Das Leben in vollen Zügen

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Das Leben in vollen Zügen

Der Wecker schreit mich an: ey, du bist zu spät!

Die Chance auf meinen Zug macht ne Blitzdiät

Ich hetz mich ab, geb alles, renne schon auf dem Zahnfleisch

Und schaffe es tatsächlich noch pünktlich zu meinem Bahngleis

Mein verschwitzter Blick liegt auf dem Anzeige-Computer

Der nächste Zug fällt aus, ich fluch ganz leise “na super”

Auch der Nächste hat Verspätung, die Leute schauen sich gestresst an

Fangen an zu lästern, so wars schon gestern, immer das gleiche mit der S-Bahn

Und irgendwann kommt sie dann doch, man positioniert sich und hofft

Dass die Tür genau hier, direkt vor mir stoppt

Das Herz pocht, doch Mist: kein einzig freier Sitzplatz

Man stellt sich mittig, auf dass man beim nächsten Stopp Glück hat

Doch stattdessen wird es von Halt zu Halt enger

Die Privatzone wird immer kleiner, die Gesichter immer länger

Die Launen immer schlechter, viele haben’s im Gesicht steh’n

Sehen aus als wollten sie entweder sich oder dem Nachbarn einen Strick drehen

Und irgendwo mitten im Gruppenkuscheln mit all den Gesichtskrapfen

Frag ich mich: Haben die dahinten sich lieb oder im Schwitzkasten?

Dann tönt das “DüDum”

“Bitte treten Sie an den offenen Türen aus den Lichtschranken”

Leichter gesagt wenn das Abteil so anschwillt wie Gelenke bei Gichtkranken

Hier lässt sich auch kein Rucksack mehr umschnallen

Immerhin kann hier niemand mehr umfallen

Doch warum fährt der Zug nicht endlich weiter?

Und warum hört der neben mir seine “Musik” nicht etwas leiser?

Da denkt man glatt man sei beim Live-Konzert

Mir wird schwindelig wie nach 10 Runden Kreisverkehr

Tja, fast hab ich nicht mehr an Zeichen und Wunder geglaubt

Da steht unter mir einer auf! “Tschuldigung, darf ich mal raus?”

Aber gerne! Sein Timing ist ziemlich gut gewesen

Nun mach ich’s mir bequem und versuch ein Buch zu lesen

In die Zeilen einzutauchen und woanders zu sein

Doch bin abgelenkt vom bestockten Rentner-Wander-Verein

Der von einer Zeit schwärmt, die noch rosig war

Und dann kommt er, es gibt ihn: Den Quotenalkoholiker

Mit einer Fahne länger als die bei den Olympischen Spielen

So dass wir durchs Riechen schon die Promillegrenze 0,50 erzielen

Ich schimpf ja nicht viel aber das ist echt das Letzte

Das ich jetzt gebrauchen kann, doch denkste, denn jetzt kommt das Beste

Das Bruder-Krass-Ghetto-Püppchen mit ihrer besten Freundin am Ohr

Und du denkst nur ‘Boah’, warum hat die heut nix anderes vor?

Als genau hier ihre Beziehungsprobleme ungeniert zu diskutieren

Und zwar beflissen – Danke, so detailliert wollte ich’s gar nicht wissen

Und nicht nur sie telefoniert trotz genervter Blicke weiter lautstark

Solche Dickschädel …kenn ich sonst nur aus Southpark

Und plötzlich wird es wieder hektisch, denn der Nächste hetzt sich

Zur and’ren Tür weil er zu spät merkte, dass die vor ihm defekt ist

Hinter mir sächselt’s: “Guten Tag, die Fahrscheine bitte”

Die Dame rechts kramt im Portmonnae, war er nicht irgendwo dort, ohje

Und findet ihn dann in den Tiefen ihrer Handtasche

Der Kontrolleur prüft, und gibt ihn zurück als wär’s ne Pfandflasche

Nun ist der Nächste am Zug

er ist guter Dinge

Doch der Herr der Ringe meint

Das seien nicht genug

Erklärt ist das Problem eh nicht kurz und knapp

Wohl dem, der bei dem System noch den Durchblick hat

Für manche Fahrt stempelt man gefühlt ein ganzes Zebra

Und kommt dann trotzdem eine halbe Stunde später… eh klar!

Von dieser Art Streifenpolizisten wollen die meisten gar nicht wissen

Vergreifen sich leicht im Ton und schimpfen: Scheiß Kapitalisten

Tja zu wenig Streifen ist für keinen wirklich ratsam

Selbst die Weißesten müssen dann Strafe zahlen für’s Schwarzfahren

Dudüm…

Das Geräusch das schon vorher alle in Brand der Angst steckte

Auch Chiwawa-Barbie fummelt nervös an ihrer Handkette

Als wenn die Bahn nicht schon längt den Bogen überspannt hätte

Also sperrt mir jetzt bitte nicht die ganze fucking Stammstrecke!

Ich seh schon SEV, Pendelzüge – welch düsteres Scheinbild

Bin kurz davor Quoten-Alki zu fragen ob er die Flasche mit mir teilen will

Und dann: “Liebe Fahrgäste, bitte treten sie an den offenen Türen aus der…”

Jaaa, Juhuu – der Jubel bricht aus

Die Menschen danken Gott, Allah und Lucifer auch

Die Gebete wurden erhört, die Fahrt setzt sich fort

Und bald, ja schon bald sind wir an einem besseren Ort

Ich frohlocke – auch mit Glatze, doch mein Frohsinn verraucht

Denn mein neuer Nachbar denkt es wär hier seine Wohnzimmercouch

Zum Glück muss ich gleich raus und zur U-Bahn, endlich

Bevor mich der Kleckeronkel vollsaut mit Truthahn-Sandwich

Ja die U-Bahn, ich kämpft mich durch die Volldeppen

Die auf Rolltreppen, links stehen statt gehen als ob sie’s aus Trotz so gewollt hätten

Manche wolln’s nicht checken, da hilft auch kein Dollmetschen

And’re hetzen skrupellos hinab als müssten sie das ganze Volk retten

Durch Parfum-Wolken mancher Schals, die aussehen wie Wolldecken

Solche Tore sieht man sonst ja nicht einmal auf Bolzplätzen

Ja die U-Bahn … dir mir nun gerade vor der Nase weg ist

Und so setz ich mich letztlich wieder hin und check’s nicht

Dass ich Montag bis Freitag immer so einen Scheiß hab

Dafür zahl ich auch noch jährlich steigenden Beitrag

Ich sinnier mich despektierlich in die U-whatever

Ess manierlich meine Pfirsich, uuh wie lecker

Der Rest tangiert mich hier nicht wirklich

Mein Kopf verliert sich und kapiert nicht

Nein er schnallt es nicht

Dass die Linie in der ich sitz, die falsche ist!

Und am Punkt der größten Verzweiflung, des größten Ärgers

Frage ich mich ob es das denn wert war…

Doch ohne diese Fahrt hätte ich abends nicht so viel zu berichten

Ohne sie hätte ich nicht so viel Inspiration für’s Dichten

Ohne die Bahn hätte ich heut nur halb so viel gelacht

Ohne sie hätte der Tag mir nur halb so viel gebracht

In der Alternative Auto würd ich all das Genannte nicht erleben

Allein im Stau steckend hätt sich gar nichts Interessantes ergeben

Statt auf roter Ampelwelle, surf ich lieber auf nem Gleis

Und Qualität und Unterhaltung hatte schon immer ihren Preis

Somit kann ich tatsächlich behaupten ohne zu lügen

Irgendwie genieß ich das Leben in vollen Zügen