Die Chance der Stürme

Die Chance der Stürme

Nachdem ich am Tage zuvor mein Portemonnaie mit all meinem Geld und all meinen Karten solch trickreichen Dieben hatte überlassen müssen, saß ich wieder im bescheidenen Klassenraum meiner Sprachschule in der Altstadt Cartagenas. Nicht nur mein Geld ging von mir, auch mein Herz musste ich in weiter Ferne zurücklassen. Um Ablenkung bemüht konzentrierte ich mich auf die anstehende sprachliche Aufgabe. Unser Maestro, wie die Lehrer in Kolumbien ehrwürdig genannt werden, ließ uns je einen Zettel mit lateinamerikanischem Sprichwort ziehen, das wir anschließend interpretieren durften um es der Klasse auf Spanisch mitzuteilen. Das meinige gefiel mir auf Anhieb:

No puedes guiar el viento, pero sí puedes cambiar la direccion de tus velas.

 

Da wurde ich mir einer Erkenntnis über Stürme gewahr, der ich viel positive Macht beimesse: Jeder Sturm zieht vorüber! Manche unter ihnen bahnen sich an und manche tauchen wie aus dem nichts auf und wirbeln dich umher wie ein Tornado, werfen dich weit zurück oder spucken dich an einer Stelle aus, an der du nie zuvor gewesen bist. Vielleicht ist dieser mächtig genug um alles in Schutt und Asche zu legen; ein Bild der Zerstörung ohne Rahmen. Der Moment dieser Wahrnehmung, verknüpft mit der Gewissheit, nichts werde mehr so sein wie davor, trifft am schlimmsten. Es reißt eine tiefe Wunde in dich und der seelische Schmerz scheint kaum zu ertragen. Voller Kummer erfasst du die Welt nur noch in Schwarz und Grau, da alle Farben vorm Sturm weggetragen zu sein scheinen.

Doch eine weitere Gewissheit soll dich bald ergreifen, und zwar jene die besagt, es komme nun einstweilen nicht dunkler. Schon morgen wird der Schmerz ein wenig gelindert sein, wenn auch nur weil ein Hauch Gewöhnung bereits über dich geschlichen ist. Nach den Tränen der Verzweiflung, der Worte voll Fluch und Hass, der Schwere deiner Traurigkeit wird es jeden Tag ein Stück besser gehen. Manchmal dauert es Tage und mehr, doch die Trümmer werden beseitigt, das Zerstörte wieder aufgebaut. Und je fortgeschrittener der Neuaufbau, desto mehr fieberst du der Fertigstellung entgegen. Vielleicht erkennst du die Chance, manche Dinge ganz neu zu gestalten und das Alte nur in jene Kiste namens Erinnerung zu packen, die selbst der gewaltigste Sturm nicht von dir tragen kann. ‚Nichts wird mehr so sein wie es war‘, jedoch kann das für manches auch Segen bedeuten, einhergehend mit der Chance es zum besseren zu formen.

Es ist das Gesetz der Veränderung im Leben, an dem wir nicht rütteln können. Kein Richter kann es aufheben, keine Justiz es verabschieden, kein Ganove es brechen. Somit ist es weise, dieses Gesetz zu akzeptieren, denn es wird uns noch viele Male einholen wie die Fischer ihre Netze, ohne dass wir etwas dagegen tun könnten. Wir sind machtlos gegen jene plötzlich aufziehenden Stürme mit Verwüstung in deren Schlepptaus, doch können wir auch unsere Macht beweisen, in der Art wie wir damit umgehen. Je eher wir uns in der Stunde Null daran erinnern, dass vielleicht schon morgen das Leid nicht mehr ganz so schwer wiegt, desto leichter können wir dem Schicksal bereits heute entgegentreten. Denn wie der Sturm selbst geht auch der Tag danach vorbei, so bitter er schmecken mag. Und der leise Wind, der noch weht, bringt wieder etwas Farbe mit sich.

Wie die spanischen Zeilen auf dem Stück Papier mir sagten:  Du kannst den Wind nicht steuern, jedoch die Richtung deiner Segel.