Die Grabmauern von Girón

Die Grabmauern von Girón

Ich traf Fred the Finisher durch puren Zufall auf der Straße vor dem Frühstückscafé. Seinen neuen Namen hat sich der gute Freddy redlich verdient, isst und trinkt der aufmerksame Kolumbianer doch alle Überbleibsel seiner Tischnachbarn auf, um nichts vergeuden zu müssen. Unmittelbares, natürliches Recycling.

Der Tag im angenehm warmen Bucaramanga im Nordosten Kolumbiens war noch sehr jung. Uns umringten zahlreiche Studenten, die sich anschickten in ihre Vorlesungen und Labors zur direkt vor uns liegenden Universität zu gelangen. Kleine Straßenstände mit leckeren Früchten, Empanadas und Arepas säumten die letzten fünfzig Meter vor dem bewachten großen Bogen, der als Eingang zur UCI diente. Wir entschieden uns für einen Platz im Café mit aufgetischten huevos revueltos (Rührei) und frischem Lulo-Saft, der uns fit genug machte um über spontane Pläne nachzudenken.

Kurze Zeit später befanden wir uns schon im Bus Richtung Süden, der uns zum historischen Dorf Girón chauffieren würde. Eine abenteuerliche Fahrt mit einem Multitaskingtalent als Busfahrer und einem Zeitnehmer mit Stift und Papier mitten auf der Straße.

Das mit vollem Titel San Juan de Girón etwas außerhalb der Stadt Bucaramanga hieß früher einmal Villa de los caballeros de Girón, was man mit Kleinstadt der Kavaliere Giróns übersetzen könnte. Das gefiel mir. Außerdem ist es auffällig stark von der spanischen Kolonialzeit geprägt. Mit Ihrem zweifarbigem, spartanisch-bescheidenen Antlitz taucht man sofort in ein anderes Zeitalter, als hätten wir unwissentlich ein Wurmloch durchschritten. Entlang der weißen Hauswände und Mauern und unter den alten Fensterrahmen und Dächern im rostigen Braunton schien die Sonne noch extrovertierter und brannte auf unsere Häupter nieder, die wir mit typisch kolumbianischen Hüten zu schützen wussten. Auf dem groben Kopfsteinpflaster, flankiert von hohen, sehr schmalen Gehsteigen, begegneten wir vielen älteren Leuten und Gitanas, die einem für ein wenig Bares die Zukunft aus der Hand lesen.

Neben der unübersehbaren Kirche in der Mitte des eng bebauten Dorfes entdecken wir einen Friedhof von einer Sorte, die ich aus Deutschland nicht kannte. Als Gräber konnte man sie dem Wortlaut nach schlecht bezeichnen, da die Särge nicht im Boden vergraben waren, sondern in den einander gereihten Mauern. Mit ihren teils wunderschönen Beschriftungen und Verzierungen waren die Grabmauern Giróns ein warmer Anblick trotz der Kälte des Todes.

Letzteres schien eine Frau zu spüren als sie etwas Salz über ihre Wangen goss. Es hing kein Zweifel in der Luft: Sie hatte diesen Menschen geliebt, der dort als ein Stück Mauer vor ihr ruhte. So hat sich dieses heimgegangene Leben gelohnt, schenkte es doch in seiner kurzen Ära einem anderen Leben ein Gefühl von Liebe und Zugehörigkeit.

Es erinnerte mich ein wenig an die Geschichte des kleinen Prinzen, der umgeben von schier unzählbaren Rosen auf der Erde plötzlich sein Leben zu rechtfertigen wusste aufgrund der Blume seines Planeten, die ihn brauchte und um die er sich zu kümmern hatte. Und die er liebte.

Doch Friedhöfe existieren nicht der Toten willens, sondern für die lebendige Hinterlassenschaft. Natürlich ist es schön zu wissen, nicht ganz vergessen zu werden. Und wohl genau deshalb ist es offenbar wichtig, etwas zu hinterlassen. Seien es die eigenen Kinder, die eigenen Gedanken in Musik und Literatur oder ein politischer Einfluss. Man möchte auf einen Sinn zurückblicken können. Es besteht eine lange Liste über Formen, wie wir unser Leben gefühlt zu verlängern versuchen, um über den Tod hinaus in der körperlichen Welt einen Platz zu behalten, als könnten wir vom Himmel herabblicken und weiterhin in Stolz badend unseren Einfluss verfolgen.

Der Tod an sich ist nicht das Böse. Wir wissen nicht einmal ob es ein Ende oder gar ein (neuer) Anfang ist. Das Böse ist vielmehr die Angst davor, und auch das Gefühl, man sei dem Tode näher als der Lebendigkeit. Manche bemühen sich sogar so vehement der Gefahr des Sterbens zu entgehen, dass sie vergessen zu leben. Ich selbst gehörte dieser Gattung an, trotz oder vielleicht gerade wegen meines jungen Alters. Ob mein Name einmal auf einem Grabstein in der Erde oder in einer Mauer verewigt ist, bleibt mir gleichgültig, solange als Inschrift stehen könnte: Er hat sein Leben genutzt und genossen.

Und ich werde das Leben genutzt haben, indem ich liebe und indem ich meine Potenziale ausschöpfe um mich zum besten Ich zu entwickeln, das ich sein kann. Das Leben in uns will sich entfalten, vergrößern, vermehren. Sein Wunsch sich durch diverse Formen wie Pflanze, Mensch und Tier auszudrücken ist die Triebfeder der Evolution, der alles zugrunde liegt. Ein stetiger Wachstum, ein unaufhaltsamer Veränderungsprozess, den wir Leben und Tod nennen, Licht und Schatten, Sonne und Regen. Das Leben will gelebt sein. Das Leben will geliebt sein.