Wie man (keinesfalls) Gras raucht – ein Bachelor in Prag

Achtung! Diese Anekdote handelt von einer unsittlichen preußischen 45-Grad-Grätsche, dem trockensten Salatrezept der Welt und dem preisgekröntesten Feuerzeug der Geschichte.

Wo fängt man so eine Story nur an? Vielleicht sogar am Anfang…

Einem Trauzeugen fällt bekanntermaßen die Aufgabe zu, sich doch gefälligst um die legendärste Junggesellen-Abschiedsfeier des Planeten zu kümmern. Und in diesem anstehenden Hochzeitsfall war es meine Wenigkeit, die dieses Amt bekleiden durfte – was noch als ein Konzentrat aus Ehre und Stolz durch meine Adern zirkuliert.

Auch damals wollte ich diese Auszeichnung mit all den dazugehörigen Aufgaben in Würde schultern, als wären es Epauletten auf der Uniform eines ranghohen Offiziers.

Um eine Party zu legendärisieren, sollten auch wirkliche Legenden ins Team geholt werden. Die Startaufstellung der Bachelor Party Crew hatte Spektakuläres zu bieten: Hammer, Ticket, Cap (Ich), der extra aus Texas eingeflogene Big Bacon, und natürlich der noch nichts wissende Ehemann in Spe: Izzo.

 Ja, das sind tatsächlich alles menschliche Wesen mit Namen, wobei ich fairerweise erklären muss, dass es sich hier um Spitznamen handelt, die wir aber tatsächlich so verwenden – mit Ausnahme von Bacon, den Ticket gerne Ginger nennt, und alle anderen meistens Stefan. Aber genug der Namen und Hintergründe. Lights camera action, please….

Als ich mit Tom Hammer bei einem Tiramisu im Münchner Osten die Planung fertig hatte, konnten wir die anderen auch einweisen und an Bord holen – an Bord des Lufthansa-Fluges namens „This is gonna be legendary!“.  Zielflughafen: Prag, Tschechien.

Wir hätten auch den deutlich billigeren Bus von München aus nehmen können. Im Wissen über den verwöhnten Hintern des Herrn Junggesellen, der niemals mehr einen Bus- oder Zugsitzplatz einnehmen würde, wenn nicht sein Leben davon abhinge, und auch bei Flugzeugen nur die Deutsche Elite-Gesellschaft in Betracht zieht, deren Logo einen Vogel mit  filigraner Gabel als Flügel ziert (man schaue mal genau hin!),  der…  ähh wie hab ich diesen Satz eigentlich angefangen?

Naja jedenfalls ging es mit Etepetete-Izzo in ein Wochenende, das auf ganz andere Weise legendär wurde, als unser einer es sich ausgemalt hatte.

Wir staunten über unsere großzügige Bleibe inmitten einer wunderschönen, historischen Hauptstadt. Fast dekadent, wie sich die Räume in unserer Wohnung ausbreiteten wie die Flügel eines Albatros. Aber lange verweilen wollten wir dort trotzdem nicht. Auf ins Geschehen! Auf ins Abenteuer!

„Ähm Stefan, hast du nicht ein dem Anlass angemesseneres, edleres Oberteil dabei?“

„Hmm, ja doch, Moment!“

….

„Ein New Zealand Rugby Jersey? Ernsthaft?“

„Hat immerhin nen V-Ausschnitt!“

An dieser Stelle bemerke ich eine untypische Unzulänglichkeit der deutschen Sprache: Es existiert kein offizielles Substantiv für „edel“. Marktlücke!

Wie dem auch sei, die erste Adresse in Prag war eh nicht die Edeligkeit in Restaurantform. Aber die Hooters Sportsbar ist eine gute Präventivmaßnahme vor anstehendem, ausgelassenen Alkoholkonsum, denn Fingerfood und Fett macht erwiesenermaßen langsamer dicht.

Einige Zeit später und um ein paar Hühnerflügel schwerer befanden wir uns im Getümmel der Prager Innenstadt.

Anmerkung der Redaktion: Der obligatorische Striplokalbesuch wird hier vom Autor nicht näher beschrieben, war aber dennoch Teil des Ausflugs.

Aus blauem Himmel heraus fand es Hammer eine Hammeridee, unseren lieben Izzo, der in seinen dreißig Jahren nicht einmal Alkohol konsumiert hatte, zum ersten Mal Gras rauchen zu lassen. Und so packte sich Tommy den nächsten verdächtig-aussehenden Typen und fragte ganz direkt und halb diskret, ob er denn Weed hätte…

Wie viel wir denn bräuchten, entgegnete dieser, und holte völlig ungeniert seine Tüte aus den Tiefen seiner Jackentasche.

Für 5 Personen – schließlich wollten wir den armen Izzo ja nicht alleine damit lassen. Mitten auf dem stark frequentierten Platz der Innenstadt Prags ging der Deal von statten. Niemand schien sich daran zu stören.

Es sei jedoch gesagt: Keiner von uns schimpft sich Kiffer oder hatte größere Erfahrung auf diesem botanischen Sektor. Ganz zu schweigen von der Vorbereitungsphase inklusive Bedarf, Menge, Kauf, Zusammenbau, etc.

Pi mal Daumen die Grammzahl berechnet, schlichen wir uns mit unserer Beute in die nächste Seitenstraße. Und da saßen wir nun, mit trockenem Gras, weißem Papier und wenig Filter. Und noch weniger Schimmer.

„Und nu?“

„Kein Plan“

„Einrollen?“

„Klingt gut.“

Und so versuchten wir uns in der Kunst des Rollens als wäre es Sushi, das wir vor uns hatten. Maki mal anders….

Dass wir viel zu viel Inhalt reinquetschten, wurde uns erst bewusst, als wir das Paper nicht mehr zubekamen, und alles wieder herausfiel. Oder sogar das Papier kaputt ging.

„Wie klebt man das jetzt zu?“

„Keine Ahnung“

„Jemanden fragen?“

Beinahe hätte ich in YouTube nach Redman’s Song „That’s how you roll a blunt“ gesucht, ehe doch der Erste ein halbwegs stabiles Exemplar erbaut hatte. Jeder andere hätte sich beim Anblick dieses krumm-schiefen Teils wahrscheinlich high gelacht, aber uns ging es ja um die Funktion, nicht um die Optik. Die inneren Werte zählen!

Wenn sie denn nur drin blieben in ihrer verdammten Papierschale, verfluchte Scheiße! Aber ok, wenigstens Einen haben wir ja, der (b)rauchbar aussieht.

„Cool!“

„Cool. Also..“

„Dann…“

„Öh, hat jemand Feuer?“

Tja, unter reinen Nichtrauchern hätte man das Problem eigentlich kommen sehen müssen. Nun hingen wir mit unserem Weed irgendwo in Tschechien und konnten es nicht einmal anstecken, da keiner von uns ein fucking Feuerzeug einstecken hatte!

Selbst die seltenen Passanten in Sichtweite konnten uns nicht aushelfen – wie verhext!

Der bereits angeschwippste aber durchaus trinkfeste Stefan erbarmte sich schließlich und schickte sich an, auf Feuer-Mission zu gehen. Lang könne dies ja nicht dauern. Also warteten wir derweil wie Neandertaler auf jemanden, der Feuer machen kann, im dubiosen Glanz unserer erbärmlichen Joint-Architektur.

Wie eine Trophäe brachte der Missionar das nötige Utensil zur Gruppe. Dass es tatsächlich zu einer wertvollen Trophäe auf einem Regal werden würde, war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Aber entscheidend war erstmal: Wir konnten zünden!

Doch unsere Laienhaftigkeit des Handwerks holte uns hier wieder ein. Beim Versuch, die Dinger anzuzünden, bröckelte das aromatische Gras nach und nach wieder heraus und ergab sich der Schwerkraft.

„Das gibt’s doch nicht!!“ Der eifrige Ticket schwankte stets zwischen ungehaltenem Lachen und ernsthafter Fassungslosigkeit.

„Izzo, jetzt geht nur noch eins: Du musst es essen!“

„Hör auf, der kann doch nicht das Gras pur in den Mund stopfen!“

Kann er doch! Was als Spaß gemeint war, wurde zur Tat des ambitionierten Herrn Izzo, der nun endlich dieses verflixte Zeug probieren wollte. Und er probierte es buchstäblich!

As if he wanted to marry Juana

And eat her all night long…

Wir konnten kaum glauben, was wir sahen. Munter kauend machte er den Spliff zum Snack, als wenn es in Tschechien üblich wäre, so sein Pausenbrot zu tilgen.

Obwohl wir dachten, die orale Zufuhr müsste sich noch schneller und intensiver bemerkbar machen, blieb die Wirkung aus. Und so richtig geschmeckt hat’s ihm auch nicht! Ja, doof…

So ließen wir dieses Kapitel erst einmal hinter uns und gingen zum nächsten Kiosk, um authentischen Absinth zu degustieren. Für ein paar Euro war eine kleine Flasche schnell zu finden, jedoch war diese nicht gekühlt. Auf Ladentemperatur im Frühsommer schmeckt das Zeug halt nicht ganz so gut – oder noch abscheulicher – wie man’s sieht.

Aber der Verkäufer hatte in seinem Miniladen nix Gekühltes, außer eben… Eis.

Und so kauften wir dem alten Tschechen für 5 (!) Euro eine kleine tüte Eiswürfel ab und kühlten unseren Absinth eben selber.

Als uns aber recht schnell die Geduld ausging, tranken wir ihn ungefähr 0,01 Grad kühler als zuvor und teilten uns den edlen Tropfen mitten auf der Straße. Pfui. Meine Konklusion: Absinth ist Absurd, Abartig und Abtrünnig machend.

„Sag mal, Stefan, von woher hast du eigentlich dieses komische Feuerzeug? Sieht gebraucht aus…“

Es stellte sich heraus, dass es zwei Russinnen waren, bei denen er das Zielobjekt erspäht hatte und folglich diese beiden Damen direkt darauf ansprach. Ihr Blick muss etwas ungläubig gewesen sein, wenn jemand ihnen ihr gebrauchtes, wahrlich unspektakuläres Feuerzeug sogar abkaufen will…

„Wie viel hast du ihnen gegeben?“

„Zwei Scheine.“

„Was für Scheine?“

„Zwei Hunderter“

„Was!?! Alter, das sind umgerechnet knappe 8 Euro!“

„Oh Fuck!“

Eine Bar später….

„Izzo, kannst du mir noch mal bisschen Geld leihen?“

„Stefan, ich hab dir 5000 (!) Kronen rüberwachsen lassen!!“

„Woah Fuck, dann hab ich den Mädels ja 2 x 2000 gegeben…“

„Waaaaas!? Du hast denen für ihr Feuerzeug 80 Euro bezahlt!?!?“

„Ohhh Fuuuuck!!!“

Ich weiß nicht, ob es dazu einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde gibt, aber gut möglich, dass dies das teuerste Second-Hand-Feuerzeug der Welt ist. Zum Andenken in all seinem Wert von 2000 Kronen thront es nun hoffentlich noch in einer royalen Privat-Vitrine eines Deutsch-Texaners.

Merklich angeheitert sowohl vom Absinth als auch vom Wahnsinns-Deal mit Russland setzten wir die Feierlichkeiten in einem ziemlich großen und touristischen Club fort. Dort veränderte sich die Sachlage: Als professioneller Bodybuilder war der Izzo ja eh schon breit, aber jetzt….  jetzt schien das Gras vom Magen in den Kopf gewandert zu sein und er schielte seltsam durch die Gegend als wäre er in einem Kaleidoskop gefangen. Latent aber effizient – guter Stoff!

Kaum ein Fleck dieser Stadt blieb vor dieser fünfköpfigen Bande wahnsinniger Münchener sicher, soviel war sicher! Da wurde auch schon mal bei Red Bull & Biscuit im Red Light District zu viert ein Päuschen gemacht. Der BREITigam war übrigens einer der Vier (um die Leserschaft an dieser Stelle zu beruhigen)!

Der Abend blieb Unterhaltung pur, selbst nach Wechsel der Party-Location. In einem treppenreichen, mehrstöckigen Club, rutschte unser 2-Meter große ‚Ginger‘ auf dem Weg nach unten aus, und grätschte einen armen Kerl von den Beinen, mit welchem er die ganze Treppe hinabflog. Die Zeugen rund um dieses Geschehen hielten die Luft an, als ob Atemnot die beiden Verunglückten vor dem Krankenhaus bewahren könnte. Doch Stefan stand einfach auf, quittierte den Unfall mit einem Furz und ging wortlos an die frische Luft.

Diese Aktion läutete in spektakulärer Art den Ausklang des Abends ein, welcher sich bereits in den Morgenstunden befand. Müde und ausgepowert sanken wir in unseren tschechischen Gemächern in einen tiefen, kurzen Schlaf, ehe der Rückflug uns zum verkarterten Aufstehen zwang.

Ende smooth, alles smooth: Zurück in Deutschland half ich dem nicht mehr ganz so breiten Izzo in seine Hochzeitsweste bevor wir beide mit Chauffeur Richtung Kirche aufbrachen in purer Noblesse! Ach, da fand sich ja doch noch ein Nomen für „edel“! Auf der Rückbank wurde die gesamte Schale Schokobons in der Mittelkonsole der Limousine Opfer des Bräutigams Nervosität. Kurz darauf sprach dieser sein Ja-Wort und wurde offiziell zum glücklichen Ehemann mit inoffiziell unglücklicher Weed-Erfahrung.