Ein Rauch von Freundlichkeit

Ein Rauch von Freundlichkeit

Ein langer Fußmarsch trennte mich täglich von der sehenswürdigen Altstadt und meiner bescheidenen Unterkunft für die Nacht. Dazwischen lag Centro Habana und dessen Chinatown. Laut, staubig, anders. In den meisten solcher Vierteln anderer Großstädte sind leibhaftig die Chinesen los, doch hier war es fast chinesenlos. Nur einige wenige Gebäude und gefühlte drei Restaurants ließen auf diesen Namen schließen.


Eines Abends schritt ich verträumt die Calle Zanja hinunter und hatte mich bereits zwanzig Minuten vom Obispo, dem Capitolio und dem Floridita entfernt, in der einst Ernest Hemingway seine Daiquiris schlürfte. Danach folgte ein Dschungel aus Beton, der nichts mit der zivilisierten Welt zu tun hat, die ich bis dato kannte. Keine Läden, keine Lokale, höchstens ein paar kleine Märkte und offene Fenster, aus denen sie immer die gleichartigen Sandwiches verkauften. Als ich kurz stehen blieb, grüßte mich ein älterer Einheimischer freundlich des Weges und fragte woher ich denn sei, da in dieser Gegend die Touristen doch eher Seltenheitswert genießen. Mir ist unerklärlich, wie er mich nicht für einen Kubaner halten wollte, wo doch solch toller karibischer Hut meinen Kopf schmückte und die Sonne meinen Teint bereits deutlich erbräunt hatte! Es lag wohl an meiner Körpergröße und dem verdächtigen Turnbeutel auf meinem Rücken.


Ein kleiner Plausch nahm seinen Lauf und kreuzte dies und jenes Thema, Cuba hier, Deutschland dort.

„Hast du unsere Zigarren schon probiert?“ fragte er schließlich voller Stolz.
„Nein, bisher nicht, jedoch möchte ich die ein oder andere für einen Freund mitnehmen.“, entgegnete ich.

Nun waren wir beim Thema seiner Leidenschaft. Armando erzählte mir, er komme gerade aus seiner Arbeit, einem kleinen Zigarrengeschäft, und redete mich schwärmend in eine Welt der Cohibas, Bolivars und Montecristos. Plötzlich zog er eine dicke Zigarre aus seiner Tasche und strahlte.


„Hier Amigo, lass mich dir diese schenken! Es ist keine der Hoch-Exquisiten, aber so kannst du heute schon mal in den Genuss Kubas kommen!“
Ich freute mich sehr über diese nette Geste dieses Mannes. Vor allem, nachdem ich drei Tage zuvor der übertriebenen Hilfsbereitschaft des Salsa-Musikers Hector verfallen bin, der mich letztendlich für seinen Mojito bezahlen ließ, nachdem er mich in meiner Wohngegend herumführte und hier und da ein paar Tipps aus seinem Ärmel schüttelte. Leider konnte ich mich Héctor‘s Begleitschaft nicht mehr entledigen, und so kam zu meiner Rettung ausgerechnet eine Prostituierte, für die ich ihm drei weitere Pesos schenkte (Wechselkurs zum Euro 1:1). So war ich ihn los bevor er mir bis direkt vor die Haustür Geleit gab, und meine Adresse wollte ich ihm höchst ungern preisgeben.
So hielt ich heute gern diesen ungezwungenen Schwatz mit dem netten Herrn. Ich schätzte ihn Ende 50, er schien mir sehr natürlich und freundlich.
„Es gibt ein Geschäft für Zigarrenhändler, wo man die Ware zum Einkaufspreis erhält. Vielleicht haben sie noch geöffnet. Es sind nur zwei Minuten von hier, wenn du willst, zeig ich es dir!“


Es war ja kaum ein Umweg und einen Blick ins Geschäft konnte nicht schaden.

Aus zwei Minuten werden unter kubanischer Führung seltsamerweise immer mindestens zehn. Währenddessen erzählte er mir von seiner Schwester, die vor langer Zeit in Leipzig studiert hatte. Was ein Zufall! Héctor’s Schwester wohnt sogar in Hamburg! Als wir kurz vorm angesprochenen Laden zu sein schienen, führte er mich durch einen schmalen Gang die zu einer hohen, alten Tür führte. Langsam stieg Unbehagen in mir auf und ich hegte Zweifel, die ich noch nicht klar benennen konnte. Nach mehrmaligem Klopfen öffnete uns eine sehr dubiose Mannesgestalt. Überdurchschnittlich groß und breit gewachsen, mit einem schauderhaften Tick, der immer wieder seine rechte Gesichtshälfte zucken ließ, begleitet von einem seltsamen Schnalzen. Sollte ich nun lieber umdrehen und mich schnell aus dem Staube machen? Die Augenblicke überschlugen sich. Auf unserem neuen, noch schmäleren Weg durch den ewigen Korridor begrüßten mich zwei unglücklich dreinblickende Frauen mit einem sehr dezenten Nicken, als dürften sie nicht mehr sagen. Ich meinte fast ein Stück Mitleid darin zu erkennen, aber vielleicht interpretierte ich gerade zu viel hinein.


Meine Sorgen nahmen allerdings mit jedem neuen Detail meiner Umgebung verhältnismäßig zu. Ich wusste bereits in mir, dies ist der falsche Ort, aber vielleicht würde ich ja mit dem Zeitpunkt mehr Glück haben. Spätestens als der große Cubano hinter mir das kleine Hinterzimmer verschloss und mich Armando bestimmt mit „Siéntete!“ zum Sitzen bat, war das besorgte Bauchgefühl auch in meiner obigen Schaltzentrale angekommen und akzeptiert. Nur wollte ich den Signalton meiner Alarmanlage nicht nach außen dringen lassen und setzte mich möglichst nonchalant auf den mir angebotenen Stuhl. Die sympathische, gastfreundliche Art meines neuen ‚Freundes‘ schien verraucht und verflogen als er eine Zigarrenkiste nach der anderen vor mir auf dem alten Holztisch präsentierte. Meine leise Vorahnung wurde immer lauter.


Dios mio! Wie konnte ich ein zweites mal so naiv sein? Erst Héctor, nun Armando. Und jedes mal bugsierte ich mich damit in eine noch bedrohlichere Lage. Es lag auf der Hand was diese Herren von mir erwarteten und so spielte ich erst einmal den charmanten Kaufinteressenten voller Bewunderung über die Vielfalt und Optik des Angebots. Zu kaufen gab es die Cigarros und Cigarillos nur in Kisten, und zwar zu Preisen, die stark am Einkaufspreis zweifeln ließen. Es handelte sich wohl eher um eine persönliche unverbindliche Preisempfehlung.


Auf die Zigarren blickend ohne sie wirklich zu sehen wog ich meine Optionen ab, wie die Köchin ihr Mehl, damit ich hier halbwegs heil herauskäme. Meine kurzerhand ausgetüftelte Strategie klang wie folgt: „Ein tolles Angebot! Nun muss ich nur in Ruhe überlegen welches davon ich wahrnehme. Ich werde bei meiner Gastfamilie, die mich übrigens in einer halben Stunde zum Dinner erwartet, nachsehen wie viel Geld ich noch habe um dann morgen möglichst viel mitnehmen zu können!“ Natürlich hakte er nach, warum nicht hier, jetzt und heute. Glücklicherweise hatte ich mein Bares in meinen Hosentaschen verteilt und so kramte ich die paar Pesos aus meiner linken hervor, während ich ihm nahe brachte, ich hätte heute nicht mehr Monetäres bei mir. Er tuschelte kurz mit seinem zwielichtigen Protegé, doch schien ich mich glaubwürdig verkauft zu haben. So hatten sie immer noch die Chance, am morgigen Tage ein gutes Geschäft mit mir abzuschließen, auch wenn es keine Garantie dafür gab, dass ich zum ausgemachten Zeitpunkt erneut erscheinen würde.


Wieder wandte sich Armando mit kühlem Blick zu mir: „Wie wäre es, wenn du mir wenigstens einen CUC gibst für mein Geschenk, das du in den Händen hältst?“
Wenn das alles war, um mich aus dieser unangenehmen Situation herauszukaufen wollte ich nicht zögern:
„Ich gebe dir diesen CUC, aber dann ist es kein Geschenk mehr.“
Um eine Reaktion meiner offensiven Worte zu unterdrücken reichte ich ihm direkt die Münze und fügte hinzu: „Ich werde sie heute noch anstecken und mich daran erfreuen.“ Mit gespielter, da eigentlich ironischer Dankbarkeit, schritt ich in Begleitung hinaus und jubelte innerlich der freien Luft entgegen. Auf belebter Straße fühlte ich mich wieder sicher. Morgen um fünf Uhr nachmittags würde ich wiederkommen und größer einkaufen. Wer es glaubt…
Das Gefühl der Erleichterung wandelte sich auf meinem restlichen Heimweg in Enttäuschung und Wut. Wut über diese raffinierte Welt, aber auch auf mich selbst und meine Naivität, noch einmal der verkleideten Güte eines fremden Kubaners gefolgt zu sein.

 

Wegen Menschen wie ihm zweifeln wir wieder stärker am Altruismus und tun Menschen mit ehrlichen Absichten unrecht mit unserer gewachsenen Skepsis. Wir bauen eine Mauer um uns, die vor Héctors und Armandos schützen mag, doch auch Chancen des Glücks und der Liebe abprallen lässt.


Selbst wenn ich letzten Endes nicht buchstäblich dafür bezahlt hätte, so hätte das vermeintliche Geschenk, der Köder als seine wahre Natur, in jedem Falle einen Preis gehabt und sich seines Namens entwürdigt. Für die Dinge, die wir umsonst bekommen, zahlen wir manchmal den höchsten. Ich nehme mir kein Beispiel an ihnen. Wenn ich schenke, so möchte ich schenken aus dem Herzen, nicht aus dem Verstand.