Formel E – Warum es die richtige Ernährung nicht gibt

Formel E – Warum es die richtige, gesunde Ernährung für den Menschen nicht gibt

Kennst du den Witz? Saßen ein Pesco-Vegetarier, Veganer, Paleoaner, Rohkostler und Low-Carbler zusammen in einem Boot und sprachen über Ernährung…

Das ist doch ein Witz! Jeder argumentiert ernsthaft und gekonnt für seine Seite und ist dennoch aberwitzig. Warum, erkläre ich anhand meiner eigenen dramatischen Geschichte.

In meinem Fall ging es ab einem gewissen Punkt mehr um Verwehrung als Ernährung. Die letzte Seite des wunderbaren Romans „Was zusammengehört“ von Markus Feldenkirchen war zu Ende, der letzte Satz strich an meinen verträumten Augen vorbei. Es bedurfte folglich neues Futter für die Leseratte Markus. Da ich gerne zwischen unterhaltsamer Belletristik und weiterbildender Sachliteratur abwechsle, war es Zeit mehr Wissen über Krankheit und Genesung zu finden um meinen limitierenden Zustand der Fibromyalgie zu verbessern.

So machten es sich ein Münchner Kindl mit einem Amazon Kindle auf dem Sofa bequem und ich durchforstete die Suchfunktion mit passenden Schlagwörtern. Später würde ich mich fragen ob es Fluch oder Segen war, auf Arnold Ehret’s schleimfreie Heilkost zu stoßen. Es ließ mich nämlich zum Extremisten mutieren und fast hätte ich mich zu Tode entschlackt. Warum ich fast beim Heilungsversuch über den Jordan hüpfte, dazu später mehr.

Der Ansatz von Professor Ehret aus dem frühen 20. Jahrhundert ist folgender:

Die Hauptschnittstelle zwischen Gesundheit und Krankheit im menschlichen Körper ist die Blutbildung und damit auch die Ernährung. Mit den Worten Ehret’s hängt unsere Gesundheit und unsere Leiden fast vollständig von unserer Ernährung ab; und ob wir die richtige oder falsche Nahrung essen.

Es sei damit von entscheidender Bedeutung zu wissen, welche Nahrung uns schadet und dabei Krankheit erschafft, und welche Nahrung heilt und unseren Körper in idealer Verfassung hält. Ebenso relevant sei die Unterscheidung der Nahrung, welche natürliches, gutes Blut bildet – und welche Nahrung schlechtes, saures und krankes erzeugt. Soweit, so gut.

Hier setzt nun seine Ernährungslehre mit der „schleimfreien Heilkost“ an. Sein Heilverfahren besteht grundlegend aus der Bildung von neuem, vollkommenen Blut durch die ständige „Belieferung“ mit lebenswichtigen Elementen aus natürlichen Lebensmitteln, wodurch dem Blutkreislauf ermöglicht wird, allen Abfall (Schleim, Gifte und Medikamente), der jemals während eines Lebens aufgenommen wurde, zu lösen und auszuscheiden, wo immer und wie lange er auch als verborgener Müll im Körper „gespeichert“ war. Klingt logisch.

Für die schleimfreie Diät müsse vor allem unterschieden werden zwischen säurebildenden und säurebindenden Nahrungsmitteln. Außerdem definiert Ehret den Menschen als Mono-Esser, dessen Darm für diese exzessive Mischkost, wie wir sie pflegen, nicht geschaffen sei. Dadurch gab es seinerseits keine Rezepte im herkömmlichen Sinne, sondern eine einfache, nah an der Natur liegende Zusammenstellung von sehr wenigen schleimarmen bis schleimlosen Nahrungsmitteln.

Genau diese These wollte ich an mir selbst ausprobieren. Diese Methodik hat schließlich Herrn Ehret und viele andere Patienten (laut eigener Aussage) von einer schweren Nierenkrankheit befreit und seine Ursachenerklärung wurde auch später von Naturheilern und Rohkostlern, wie beispielsweise die Bestsellautoren Dr. Normann Walker oder Dr. Galina Schatalova durch eigene Forschungen und Erfahrungen zumindest im Ansatz gestützt.

So begann ich also meine schleimfreie Vorbereitung auf eine Fastenzeit, zu der ich es nie schaffen sollte. Unglücklicherweise startete ich mein Entgiftungsprogramm mit Beginn der kältesten Zeit des Jahres. Es war der 7. Januar, als ich das erste Mal das Frühstück ausfallen ließ und mittags einen halben Teller gedünstete Karotten und Zucchini ohne Gewürze verzehrte. Abends etwas Brokkoli und einen Karottensaft aus dem Slow-Juicer, um auch ja möglichst viele Nährstoffe daraus zu erhalten. Meistens gönnte ich mir als Hauptmahlzeit nach etwas Obst einen Salatteller und schrieb meine immensen Blähungen der Entgiftungserscheinung des Körpers zu, wie der Geist von Herrn Ehret mich vorgewarnt hatte.

Innerhalb der ersten Woche nahm ich bereits 7kg ab und fror mir abseits von meiner deckenreichen Couch einen Ast ab. Nie verließ ich das Haus ohne mindestens zwei Paar dicke Socken im Schuh und einer 6-schichtigen Zwiebel am Oberkörper, die ich niemals schälte, da ich um jede Schicht Stoff dankbar war.

Nach einem Monat brachte ich bereits 10kg weniger auf die Wage (ich war eh schon sehr schlank im Ausgangsgewicht!). Mit der Einlieferung ins Naturheilkrankenhaus Anfang April waren es bei 1,86cm Körpergröße nur noch knapp 50kg. Wie ein eh schon sehr schlanker Mensch noch 13kg verlieren kann war mir ein großes Rätsel, aber offenbar wogen meine roten Blutkörperchen eine Menge, die ich fast vollständig aus meinem Körper gejagt hatte. Der Fachmann spricht von Blutanämie.

Dass ich trotzdem weiterhin teilweise über Nacht abnahm, lag an meinem hochgradigen Eiweißmangel. Ohne Proteine konnte mein Körper kein Wasser mehr binden und deshalb musste ich auch nachts bis zu sechsmal raus. Wenn es dieser Grund nicht war, dann weckte mich einer der zahlreichen Krämpfe aus meinem teuren Schlaf, den ich kaum hatte. Insomnia.

Wenn ich wenigstens schnell einschlafen hätte können, doch da ich nur noch im Kopf lebte und nicht mehr im Körper, fand der Geist auch keine Ruhe, da er zudem noch völlig unterbeschäftigt war. 

Es brauchte eine intensive Gehirn-Zurück-Wäsche, was leichter gesagt als erreicht ist. Die Erklärung warum meine doch so einleuchtende Detox-Methode nach Ehret und Co. bei mir fast ins Auge ging, lieferte mir indirekt Deepak Chopra. Dank diesem indischen Arzt und Bestsellautor beschäftigte ich mich intensiv mit Ayurveda. Ein 12-Stunden-Kurs über die medizinischen wie auch generellen Weltansichten aus Indien machte es mir dann letzten Endes kristallklar: Ich bin ein Vata.

Ayurveda teilt die Menschen in drei verschiedene Konstitutionen, den sogenannten Doshas auf, wobei jeder auch eine Mischform aus zwei Doshas sein kann. Es war verblüffend, wie sehr mich der Vata-Typus als Körper und Geist beschrieb und sich recht deutlich von Pitta und Kapha abgrenzte – auch wenn alle drei in jedem Menschen vertreten sind. Wird eines aus dem Trio übermächtig, gilt es genau dieses zu besänftigen.

Vata steht für Äther und Luft, und Menschen dieser Art müssen sich immer wieder erden, denn sie neigen zu rasantem, sprunghaften Lebensstil mit Hang zu Extremen. Meist hochgradig kreativ, sehr kopflastig und unstillbare Neugier tendieren die Vatas dazu, viele Dinge auf einmal zu machen. Passt alles. Auch meine große und sehr schlanke Körperstatur passt ins Bild. Während man meistens von Abnehmproblemen der Leute hört, tendiere ich als Vata schnell zum Gewichtsverlust.

Deshalb sollte dieser feingliedrige, schnell frierende Dosha-Typ auch eher erdende und warme, gedünstete oder gar gekochte Lebensmittel verzehren (wie Reis, gekochten Hafer, Fisch, Hühnchen, viel Gemüse) und nur wenig Rohkost.

Ahja, da haben wir also den Salat!

Ausgewundert hat sich, warum ich gefühlt den ganzen Tag als undichter Lufballon herumlief (zu viel Obst, Hülsenfrüchte, Salat) und schneller abnahm als der Dax-Kurs bei der letzten Finanzkrise. Mit 50kg auf 1,86m Körperlänge sah ich aus wie die damaligen KZ-Häftlinge von Ausschwitz. Da meine Konstitution mehr Kalorien benötigt als die anderen und die wichtigen Nährstoffe aus Rohkost einfach nicht assimilieren und in den Organismus zur Verwertung aufnehmen kann, würde mich vor allem ein Ayurveda-Arzt für diese Form der Ernährungsumstellung und Diät für verrückt erklären.

Was für einen Kapha genau das richtige ist, kann dem Vata zum Verhängnis werden. Und mal wieder sieht man:  Es exisitiert keine „gesunde, richtige Ernährung“ für die Menschheit, sondern nur für den einzelnen Menschen. Was dem einen hilft, hilft dem anderen nicht und dem Dritten schadet es sogar! Diesen Satz nahm ich mit aus meiner folgenden Ausbildung zum ganzheitlichen Ernährungsberater auf der Heilpraktikerschule.

Was bringt also die hochgepriesene Rohkost, wenn ein Organismus nicht damit arbeiten kann? Wie gesund ist sind die Proteine der Edamame, Kichererbsen und Linsen, wenn diese dich dann zur Toilette bitten und nicht mehr rausgehen lassen, weil die Zusammensetzung der Hülsenfrüchte mit dem eigenen Darm nicht kompatibel ist? Was nützt unter Gesundheits-Aspekten die vegane Lebensweise, wenn sich der Veganer dann hauptsächlich von hochgezüchtetem Weißmehl, Soja, Zusatzstoffen und Zucker ernährt?

Für die Tiere ist das super, für den Menschen katastrophal.

Vielleicht versteht sich nun, warum ich einen gewissen Groll gegen dogmatische Ernährungskonzepte a la Paleo & Co hege, die uns die beste, einzig wahre Ernährung schmackhaft machen möchten. Sie sind schon im Ansatz unstimmig, da sie alle Menschen über einen Kamm scheren und die Individualität in Sachen Region, Verdauungstrakt und Konstitution nicht berücksichtigen. Und so erbreachte ich den zum Glück noch lebenden Beweis, warum alle Ehrets, Schalatovas, Walkers & Co der Geschichte zwar gute, richtige Ansätze vertraten, aber im Grunde falsch lagen. Ihr Patentrezept erwies sich ebenso falsch wie die der aktuellen Schlaumeier – denn es gibt kein Patentrezept für den Menschen.

Darüber hinaus bleibt ein Katalog für Fragen, über die sich herrlich streiten lässt, solang man im Schwarz-Weiß Denkmodus gefangen bleibt. Ist Obst nun gesund mit all den Antioxidantien und Vitaminen oder schädlich wegen des „Zuckers“? (Fragen wir mal einen Fructose-Intoleranten.) Ist Fleisch (zumindest weißes) nun ein Stückchen „Tod“ den wir verschlingen, oder hat es uns in der Evolutionskette zu einem so großen, starken Menschen mit derartiger Gehirnleistung verholfen? Ist Reis nun gefährlich des enthaltenen Giftstoffes „Arsen“, oder doch die bessere Alternative zu Weizen & Co? (Reden wir von Urweizen oder hochgezüchtetem?) Sollen wir überhaupt große Mengen an Gemüse verzehren oder wirken da nicht auch irgendwann deren giftigen Abwehrstoffe?  

Mein persönliches Fazit zur gesunden, richtigen Ernährung: Es gibt sie nicht! Zumindest nicht für den Menschen allgemein, da jedes Individuum speziell betrachtet werden muss. Damit scheitern auch alle Ernährungskonzepte bereits im Ansatz, da sie die Menschheit über einen Kamm schere, ungeachtet von Herkunft, Gewohnheit, Gene, Konstitution und anderen Faktoren, die in einem weiteren Blogartikel hier zu finden sind.

Ich habe bereits fast alles für längere Zeit durchprobiert, vom Protein-Junkie bis zum veganen Rohkostler. daraus ergab sich für mich ein Leitmotiv, meine sogenannte Formel E:  

Das individuell Richtige in rechtem Maße zur rechten Zeit.

Qualität vor Quantität, Individualität vor Pauschalität, und das WIE und WANN ist genauso relevant wie das WAS und WO.

Mit diesen „Regeln“ habe ich zu einem sehr ausgeglichenen Ernährungsstil gefunden. Ich esse das, was ich persönlich vertrage, tue es erst wenn ich tatsächlich hungrig bin, und kaue jeden Bissen solange in Dankbarkeit, bis es schon halb verdaut ist ehe ich es die Speiseröhre hinunterschicke. Man gewöhnt sich daran, der letzte mit Besteck zu sein, der immer noch sein Mittagsmahl genießt, während die anderen schon ans Abendbrot denken. Die Tatsache, mich jeder chronischen Müdigkeit entledigt, das Weichteil-Rheuma mit all den Schmerzen fast komplett abgestellt und jedes andere oben beschriebene Symptom zur Vergangenheit gemacht zu haben, gibt mir Recht. Und inzwischen habe ich auch wieder rote Blutkörperchen, die fröhlich durch meinen vitalen Körper hindurchtanzen. Ich glaub es ist Lambada.