Insel der Vergangenheit

Insel der Vergangenheit

Eine Welt ohne Internet – ist das noch vorstellbar? Der bloße Versuch sich dies auszumalen durchquert fast die Grenze zur Transzendenz. Und doch durfte ich genau in dieses surreale Szenario eintauchen – zumindest für eine Woche. Mein Medium war eine Zeitmaschine namens Cuba. Zwar existieren bereits bestimmte Wifi-Plätze inmitten der größten Metropole der Karibik, der Hauptstadt La Habana, doch diese sind nicht nur über Kartencodes relativ teuer und zeitlich limitiert, es funktioniert auch nicht mit jedem mobilen Endgerät. Meines war eines der auserwählten Versager-Modelle.

 

Doch erstaunlicherweise weilte mein Ärger nur einen kleinen Augenblick und wich einer Entspanntheit, die sich noch zu einem kleinen Genuss ausdehnen sollte. Auch wenn ich viele Nützlichkeiten des globalen Netzes vermisste, so schwang in mir auch eine gewisse Befreitheit und stellte andere Dinge im Alltag wieder in den Vordergrund. Ich merkte, wie ich mein Umfeld anders wahrnahm, ohne Ablenkung. Das Hier und Jetzt war plötzlich spürbar. Statt der meist trivialen und irrelevanten Beschäftigung mit Elektronik kostete ich den Moment aus und es fühlte sich gut an.

 

Spazierend durch die Gaswolken der Fünziger-Jahre-Schlitten gelang mir sogar unüblich oft der Augenkontakt mit dem fußmärschigen Gegenverkehr, da diese nicht ihren Kopf Richtung Display nach unten neigten. Ich korrigiere: Da ich selbst nicht mit Blick und Gedanken auf eine virtuelle Welt gerichtet wie ein Junkie umherschweifte.  Für Informationsbeschaffung war ich gezwungen reale Menschen anzusprechen und stellte fest, wie gut es tat so häufig mit Fremden zu sprechen, die mir ihre Hilfsbereitschaft gerne entgegenbrachten.

 

So setzte ich mich auf eine Parkbank, die nicht selten nur zwei der drei einst konzipierten Holzlatten zum Sitzen anbieten konnten, und sinnierte über das Offline-Leben. Ich fand Interesse daran diesen Gedanken wiederzuspinnen mit der Frage: Was würde sich noch in unserem Handeln ändern? 

Ich schielte zu den Schnurtelefonen hinüber, welche an der bröckligen Hauswand des Kolonialstil-Gebäudes befestigt waren. Münzeinwurf. Zeit ist auch im kommunistischen Lande Geld, und so kauft man sich gerade genügend davon um seinem Freund die wichtigste Neuigkeit mitzuteilen oder ein Treffen zu vereinbaren um das Gespräch in persona fortzuführen. Da sich spontane Absagen oder Verschiebungen nur schwer ermöglichen und man sich damit keine Optionen ewig offen lassen kann, wird die Verlässlichkeit als Charakterzug somit zur Obligation. Wie die Kubaner sich zeitlich organisieren bleibt mir teilweise jedoch ein kleines Rätsel.

 

Die Zeit auf und abseits der Parkbank schenkte mir die Möglichkeit über viele weitere Dinge intensiver nachzudenken von was auch immer sich mein äußeres und inneres Auge ein Bild machte. Ich hatte das Gefühl lebendiger zu sein, bewusster und wacher. Doch alles hat sein Für und Wider: Ohne Internet könnte ich von der ‚Zeit ohne Internet‘ nicht mehr Leuten erzählen als ich persönlich kenne, und so bin ich trotz allem für die Möglichkeit dankbar, diese Anekdote hier zu teilen.