Rolltreppen

Rolltreppen

„Spricht hier irgendjemand Spanisch?“ erschallte es auf einmal durch den hinteren Abschnitt der Economy Klasse. Leicht schläfrig wartete ich auf eine Reaktion, hopste dann aber mitsamt meiner aufblasbaren Nackenstütze auf und lugte wie ein Erdmännchen über den Vordersitz. Das Gesuch kam tatsächlich von der Flugbegleiterin höchstpersönlich. An ihrer wiederholten Frage in fast verzweifelten Tonfall wurde mir klar, dass wohl tatsächlich niemand in diesem Maschinenabteil der Sprache des Landes mächtig war, aus dem wir gerade wieder Richtung München abreisten. Keiner außer zweien: Mir und der älteren Kubanerin, die aber offenbar keines der deutschen Wörter sprach – oder verstand. Und genau da lag der Hase im Pfeffer.

 

Etwas schüchtern meldete ich mich als freiwilliger Vermittler und Übersetzer, kaum glaubend dass ich hier der einzige Sprachinteressierte unter den ganzen „Kultur“-Touristen sei. So begann ich bei der Señora nachzuforschen, was sie denn wolle und was sie den anderen um sie herum nicht verständlich machen konnte. Immer wieder deutete die Lady auf Ihre deutschen Reiseunterlagen und erst nach einiger Zeit – das Kubanisch-Spanisch ist immer noch eine Herausforderung – begriff ich: Ihr sei offenbar mitgeteilt worden, sie müsse alles auf dem Flug extra bezahlen, nur habe sie kein Geld, weder Euros noch Pesos, und sie wolle eigentlich nur eine Cola! Sie wusste da noch nicht, dass Getränke – abgesehen von den alkoholischen – im Flugangebot hier mitinbegriffen sind. So übersetzte ich dann der Flugbegleiterin: „Eine Cola bitte!“.


Nachdem dieses geklärt war, sehnte ich mich wieder nach meiner Nackenstütze und einer Mütze Schlaf – sofern dies bei all den Turbolenzen möglich war. Nach Ankunft und Durchschreiten der Passagierbrücke lief ich wieder direkt auf die Dame zu, diesmal in Gesellschaft eines deutschen Paares, das praktisch auf mich gewartet zu haben schien. „Du sprichst doch Spanisch, oder?“. Ein Gedächtnis haben die Leute! „Sie weiß nicht, wo sie hin muss!“ – Ja, das war bereits aus ihrem Gesicht unschwer abzulesen. Da sie mir in ihrem kubanischen Dialekt erzählte, sie habe kein Gepäck aufgegeben und reise nur mit der Tasche in ihrer Hand, breitete sich wie ein Stück Hefeteig das Unbehagen in meinem Bauch aus. Was hat diese Frau hier vor?


Ich zeigte ihr den Weg Richtung Passkontrolle und Ausgang, und bog anschließend scharf links ab, zur Tür mit dem skizzierten Männchen. Als ich von der Toilette wiederkam und Richtung Gepäckausgabe voranschrat, traf ich die Frau im selben Stock noch einmal. Alleine stand sie zitternd vor der Rolltreppe – die letzte Hürde vor dem Ausgang.


„Tengo miedo!“ warf sie mir beschämt entgegen – „Ich habe Angst“. Was soll man dazu sagen? Diese Frau hatte in ihrem ganzen Leben die Heimat noch nie zuvor verlassen und fürchtete sich jetzt vor etwas, das für uns das normalste der Welt ist: Eine Rolltreppe. Sie kannte das schlichtweg nicht. So lustig dies klingen mag, fühlen doch die meisten Menschen erst einmal Skepsis, Unwohlsein oder gar Panik gegenüber neuen Herausforderungen und Situationen. Das unbekannte Terrain, sei es der erste Tag im anspruchsvollen neuen Job, das Blind-Date am Abend, die Premiere auf der Bühne. 

 

Es ist meist eine Angst, die spätestens nach dem dritten Male bereits als eine Art Routine verinnerlicht wird und man sich irgendwann kopfschüttelnd zurückerinnert. Meine magische Zahl 3, zu welcher ich es immer zu schaffen gedenke bevor ich mir ein arg schlechtes Urteil über eine neue Sache bilde und vielleicht sogar zu früh das Handtuch werfe. 

3 Mal tun, 3 Tage durchhalten, 3 Dinge aufzählen.

 

So unverhofft wurde ich vom Übersetzer zum Ersthelfer befördert und anhand ihres festen Griffs spürte ich, wie ernst es um ihre Bangigkeit bestellt war. Ich bin mir sicher, die Dame hat inzwischen mehr als drei Rolltreppen gemeistert und schmunzelt bereits über ihre erste Erfahrung an besagtem Tage. 

 

Mir fiel ein kleines Steinchen vom Herzen als sie unten angekommen einem jüngeren Mann mit ähnlich dunklem Teint hinter der Glasfront überschwänglich zu winken begann, der vielleicht ihr Sohn war. Dieser stand neben einer weißen Frau, die man als ihre deutsche Schwiegertochter hätte ausmachen können. Ja, ich fühlte mich fast genauso erleichtert wie nach meinem Besuch auf dem sanitären Örtchen! Vorfreudig auf Zuhause nahm ich mein Gepäck von der Bahn, stolz auf all die Rolltreppen, auf welche ich mich während meines Abenteuers bisher getraut hatte, um an Ihnen zu wachsen.