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Stotternde Kinder – Wie verhalten als Eltern? 3 Tipps im Umgang mit Stottern

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Viele Eltern oder Elternteile fragen sich, wie sie am besten damit umgehen, wenn eines ihrer Kinder stottert. Zu allerst einmal: Ruhig bleiben, keine Panik, ich bin ja auch noch da! J

Als Ex-Stotterer und Kommunikationstrainer weiß ich um die Bedeutung von empathischem Kommunikationsgeschick. Nichts anderes braucht es, wenn die Eltern mit ihren Kindern – oder auch anderen Personen – über das Thema Stottern sprechen.

Doch die Angst ist groß, dass das Stottern bleibt und das zukünftige Leben des eigenen Kindes immens einschränkt. Also was tun? Ratschläge kursieren viele, aber manche sind auch kontraproduktiv. In diesem Artikel möchte ich dir drei Anregungen mitgeben – ganz gleich ob du nun die Mutter, der Vater oder eine andere Form eines Erziehungsberechtigten bist. Los geht’s mit Tipp Nummer…

  1. Thema Stottern nicht größer machen als nötig

In etwas über der Hälfte aller Kinder unter 12 Jahren legt sich das Stottern wieder von selbst, als Teil einer lediglich temporären Entwicklungsstörung. Wird das Thema Stottern jedoch an die große Glocke gehängt, eine Vielzahl von Therapeuten aufgesucht, vehement darüber geredet und ständig korrigiert, passiert im Nervensystem des Kindes wahrscheinlich Folgendes:

Das Gehirn des stotternden Kindes lernt, dass es nicht gut so ist, wie es ist. Dies führt zu einem verminderten Selbstwertgefühl und begünstigt das Stottern. Außerdem schafft man durch ständige Thematisierung ein großes Identifikationspotenzial, sodass das Kind später in der jugendlichen Selbstfindung eher als stotternde Person bereits stigmatisiert ist und sich so auch selbst sieht: als stotternder Mensch.

Dadurch werden diese Verbindungen der Nervenzellen, die für den Sprechablauf eine Rolle spielen, so stabil, dass das Überwinden von Stottern umso schwieriger macht. Im Buch „Stottern war gestern“ beschrieb ich die 6 Stadien vom stotternden Kind zum stotternden Erwachsenen. Erst mit der Identifikation wird Stottern oftmals lebenslänglich, aber dennoch nicht unüberwindbar!

Da Energie immer der Aufmerksamkeit folgt, und dies ein Problem eher verstärkt, ist es ratsam, dem Thema Stottern so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zukommen zu lassen. Da es aber auch nicht ganz unter den Tisch fallen darf, ist ein offener, positiver Austausch mit dem Kind empfehlenswert: Lass dir Zeit, das wird schon!

Sollte jedoch das Kind so stark stottern, dass es sich kaum ausdrücken kann, ist sicherlich ein kundiger Arzt bzw. Therapeut aufzusuchen. Im Falle von sporadischen, moderaten Blockaden, Dehnungen oder Wiederholung von Lauten sollte dem Thema Stottern die Chance gegeben werden, sich von alleine zu erledigen.

2. Gelassenheit statt Korrekturen und Perfektionismus

Als Zuhörender ist man geneigt, die holprigen Wörter oder Sätze des Kindes zu vervollständigen. Was als Hilfe gut gemeint ist, schadet der Entwicklung des Kindes jedoch unter Umständen enorm. Für jedes Kind ist es wichtig, Selbstwirksamkeit und eigene Bewältigungsressourcen für die Herausforderungen des Lebens zu entwickeln, was die Basis eines gesunden Selbstvertrauens ausmacht. Das Kind ständig zu korrigieren lenkt den Fokus auf dessen Fehler. Dem Kinde wird dadurch ein „fehlerhaft sein“ suggeriert, also: was es alles nicht kann und wo es den Ansprüchen nicht gerecht wird.

Jede Form des Perfektionismus fördert das überkritische Denken in Bezug auf sich selbst und macht jenes noch schwieriger, was eigentlich erleichtert werden soll: Sprechen, Ausdrucksvermögen, Kommunikation mit anderen.

Wenn wir das Kind geduldig, gütig und gelassen aussprechen lassen, schaffen wir einen sicheren Rahmen, in welchem es sich angenommen, wertgeschätzt und in Sicherheit fühlt. Dies sind wichtige Eckpfeiler für ein stabiles Kommunikationsvermögen. Es geht darum, den Druck herauszunehmen. Sobald das stotternde Kind das Gefühl hat, es JETZT SOFORT hinbekommen zu MÜSSEN, sorgt der Stress fürs ungewollte Gegenteil: Der Stressreflex namens Stottern setzt umso rabiater ein, bis nichts mehr geht.  

Leistungsdruck ist einer der größten Stotter-Begünstiger. Sobald die Erwartungshaltung an das Kind größer wird, als dessen Vertrauen, diese Erwartungen erfüllen zu können, desto mehr Blockaden entstehen im Mechanismus des Kindes.

Deshalb darf jedes Kind von uns Erwachsenen für den Sprechakt möglichst stressfreie Bedingungen erhalten, um das Gefühl zu erhalten: „Ich habe genug Zeit, es muss auch nicht perfekt sein!“ Gedanken wie diese lösen manch festen Knoten in Sekundenschnelle.

3. Selbstwertgefühl themenübergreifend stärken

In den letzten beiden Punkten schnitt ich bereits Faktoren an, die das Selbstwertgefühl des Kindes drastisch senken bzw. im Aufbau hindern können: Zum Einen betrifft dies die übertriebene Problematisierung des Themas Stottern, zum anderen das korrektive Eingreifen und „zur Hilfe eilen“, sobald das Kind buchstäblich feststeckt. In diesen beiden Fällen dagegenzuwirken sind bereits gute Schritte, um dem Kind den Rücken zu stärken.

Darüber hinaus empfiehlt es sich auch, in Themen abseits des direkten Sprechens jedwede Möglichkeit zu ergreifen, das Kind auf die eigenen Kompetenzen und Erfolgserlebnisse hinzuweisen. Wir motivieren in konstruktiver Weise, wenn wir all jenes hervorheben, was es gut gemacht hat. Auf Fehler und Unzulänglichkeiten hinzuweisen, es wegen allem und jenem zu tadeln, hält den gegenteiligen Effekt bereit und schwächt das zerbrechliche Selbstvertrauen.

Ob in der Schule, bei Hausaufgaben, im Haushalt oder bei Freizeitaktivitäten – Kinder brauchen Bestärkung sowie die Offenheit, es durchaus auch mal auf ihre Weise tun zu dürfen. Fehler sind ok und teilweise wichtig!

Sehr schnell entstehen hinderliche Glaubenssätze im Unterbewusstsein der Kinder durch wiederholte Parolen der Erwachsenen, wie etwa:

„Du MUSST das so und so machen!“

„Das ist noch NICHT GUT GENUG!“

„Jetzt STRENG dich doch mal etwas mehr AN!“

Müssen; nicht gut genug sein; sich mehr anstrengen… all dies hat noch mehr (An)Spannung im Nervensystem zur Folge hat und trainiert die Schaltzentrale Gehirn darin, im „Alarm“-Modus zu bleiben. Diese Anspannungen führen zu Verspannungen in der Muskulatur, weshalb auch der Atemmuskel des Kindes, das Zwerchfell, nicht mehr frei und rhythmisch arbeiten kann. Das Ergebnis ist meist ein stärkeres Stottern als vor den gut gemeinten Anfeuer-Sprüchen seitens der Eltern.

Deshalb gilt: Wir wollen dem Kind all die Attribute verbal und nonverbal kommunizieren, die es selbst so sehr braucht: Ruhe, Güte, Toleranz, Gelassenheit, Bestärkung, Affirmation, Sicherheit, Geborgenheit. Jedes Wort und jede Tat, die zu diesen Werten beiträgt, ist Gold wert für die Seele und das Sprechvermögen des Kindes.

Abschließend will ich betonen: Je besser die Eltern das Phänomen Stottern und seine Mechanismen verstehen, desto mehr befähigt sie das, selbst das Richtige zu tun. So wird die Gefahr eingedämmt, zwar gut gemeinte aber kontraproduktive Ratschläge zu erteilen oder solchen zu folgen.

Aus diesem Grund halte ich es für sinnvoll, als Elternteil oder Erziehungsberechtigter über entsprechende Bücher und Kurse mehr Wissen über die Thematik zu erwerben. Aber bitte nur solche, die das Thema ganzheitlich und in Bezug auf das Nervensystem betrachten, wie das im Buch „Stottern war gestern“ oder im Onlinekurs „FLOWtential – Stottern war gestern“ der Fall ist.

So können Eltern selbst als eine Art Coach fungieren und durch bestimmte Techniken, Methoden und empathisches Kommunikationsgeschick die Kinder aus dem Stottern in die Ausdrucksstärke führen!