Viva Venezia

Viva Venezia - ein Tag in Venedig

Wenn du auf Wasser im Stau stehst, der Pizzateig wie eine Carnevalsmaske geschnitten ist und dich die Gondolieri durch die Kanäle singen, bist du mit höchster Wahrscheinlichkeit in Venenig. So wie ich. Viele Jahre hatte ich durchaus eine Vorstellung von dieser einzigartigen Wasserstadt, aber wenn man das erste Mal dort ankommt, überschwemmt einen diese Welle des Erstaunens, des Charms, des Fantastischem. So wie mich.

Alles ist so völlig anders. Es ist diese Beispiellosigkeit, was diese Stadt so  besonders macht. Keine ist wie sie. Das Leben ohne Landfahrzeuge, wo Boote die Autos sind. Busse, Straßenbahnen, S- und U-Bahnen werden hier zum Waterbus.

Das letzte mal, dass wir derart durch Wasserstraßen trieben war nach der Jahrhundertflut, jedoch deutlich weniger vorbereitet und noch weniger entzückt von all dem um uns herum. Ziel: Piazza San Marco oder bei uns besser bekannt als der Markusplatz. Wenn ein Platz schon wie ich selber heiße, wurde es auch Zeit dort nach dem rechten zu sehen und ob es meiner würdig ist. Als ich dort ankam stellte ich mir diese Frage allerdings andersherum.

Am Markusplatz oder wie auch immer

Eine weitere Neugier kam in mir auf: Wenn der Platz doch im Original San Marco heißt, da er sich ja auch im gleichnamigen Stadtsechstel Venedigs befindet, warum änderten wir dann den Markoplatz zum Markusplatz, und die Engländer ihn zum St. Mark Square? Die machen ja was sie wollen! Welch ein Namenspandemonium!

Aber ich will mir das nach mir benannte Plätzchen ja nicht selbst aberkennen, sogar eine Kirche habe ich! Das kolossale Gebäude vor der Nase, so ließ ich mir sagen, sei die Basilika. Nun weiß ich endgültig, dass Basilika NICHT die Pluralform von Basilikum ist. Aber diese Theorie schien mir vorher auch schon etwas wackelig.

Natürlich musste ich vor Ort dem fast obligatorischen Kaffee nachkommen, wie es mir meine Mutter ins Ohr gesetzt hatte. So gingen wir auf besagtem Platze ins glorreiche und älteste Kaffeehaus Italiens: Café Florian. Das sollte sich aber lohnen – für den Gastwirt sowieso! 14,50 Euro der Cappucchino mit etwas Minzcreme! Da wird meine Milcheiweiß- und Koffein-Intoleranz mal ausnahmsweise zum Glücksfall, so kostet der DeCaf-Americano nämlich nur 6,50! Allerdings der beste, den ich je hatte! Dazu spielte uns Live-Musik in die passende Stimmung am früheren ‚Salon Europas‘. Die Vintage Band auf der Bühne im Rücken, ausgestattet mit Piano, Violine, Bass und Clarinette, erinnerte mich ein wenig an die Kapelle auf der Titanic bevor sie spielend im Ozean verschwand. Untergehen konnte man hier allerdings nur im Strom asiatischer Tourigruppen. Dieses klangvolle Spektakel musste uns sagenhafte 6 Euro ‚Musikaufschlag‘ wert sein – pro Person wohlgemerkt! Jaja, der Piazza San Marco ist nichts für arme Schlucker.

Jedoch verbrachten wir gefühlt eine halbe Stunde erst einmal mit Handy und Fotos knipsen vom echten Silbertablett und seinen Kaffeevariationen. Schon komisch, wie wir heutzutage die Momente lieber zehnfach fotografieren oder filmen als sie mit bloßem Auge und offenem Herzen zu genießen. Als lebe man schon jetzt mehr in der Erinnerung als im präsenten Geschehen. Und doch will man schließlich das Erlebte und damit zusammenhängende Gefühl mit möglichst vielen Menschen teilen, am besten sofort, und eine Erinnerung daran mit nach Hause nehmen und im Internet verewigen. So muss wohl jeder für sich selbst sein Verhältnis suchen. Zum Glück saßen wir lange genug, so hatte mein Geist noch Zeit für einen Kurztrip ins Land der Tagträume während die Tauben wie eine Luftflotte über uns kreisten.

Der älteste Mann der Geschichte

Umso konzentrierter war mein Geist wieder in den menschenärmeren Gassen zwischen all den unterschiedlichen Fassaden – traumhaft schön! Etwas verwundert kratzte ich mich vor einer bestimmten Statue am Kopf. Den Namen des hier auf ewig materialisierten Herrn vergaß ich leider, jedoch blickte ich mehrmals auf dessen Geburts- und Todestag unterhalb seines Namens. Nein ich hatte mich nicht verlesen: 1707 – 1907. Den Zweihundertjahre-Mann kannte ich bis dato eigentlich nur als Robin Williams. Entsprang diese Filmidee etwa diesem italienischen Altersrekordhalter? Oder doch ein Gravurfehler? Wie dem auch sei, 200 Jahre möchte ich hier nicht bleiben, so schön es auch ist. Solange reicht das Parkticket eh nicht.

Die Peitsche der Götter

Es war ein heißer Tag. Wir träumten noch davon, welchen Charme diese Stadt erst nachts versprühen müsse, da wir vor der Dämmerung bereits wieder an den Gardasee kehren würden. Da hatte jemand, der höher sitzt als wir, eine Idee: Auf unserer Bootstour zurück Richtung Parkhaus überzog er den Himmel mit solch schwarzer Gewitterwolken, so dass die Lokale ihre Lampen und Laternen am Flussrand anknipsten als wäre es bereits fortgeschrittene Abendstund. Der plötzliche Donnerknall erschreckte alle Passanten in einer Lautstärke, wie ich es noch nie zuvor vernommen hatte. Es war mehr eine Art schnalzen mit zuckendem Blitzlicht, als wollte Zeuss mit einer Peitsche die Menschheit wieder in die richtige Richtung treiben. Erst später wurde mir klar, dass der wuchtige Ton kein Donner war, sondern der Blitz selbst. Unheimlich, schauderhaft und wundervoll schön zugleich. So sah ich Venedig doch noch fast wie bei Nacht, bevor wir auf festem Boden zurück in den Tag fuhren, zurück nach Lazise, wo die Familie uns schon erwartete.