Wanderlusien

(W)ANDERLUSIEN
Auf den Spuren des Alchimsten

Calle Delgado, Andalusien. Während das Navi zum xsten Male was vom Kalle erzählte, rotierten mein Kumpel und ich durch die engsten Gassen, die Sevilla zu bieten hat. Schwer zu sagen, wie viele Schweißperlen auf’s Konto der 37 Grad Celcius gingen und wie viele die Altstadtschluchten verursachten, die für einen SUV nicht gerade ein Empfehlungsschreiben ausstellen.

Seit ganzen drei Jahrzehnten sind wir bereits befreundet, und nun das erste Mal im Urlaub. Ihm hatte ich kurz vor der Reise noch mein Lieblingsbuch inklusive inspirierendem Zitat- und Notizheft geschenkt: Paulo Coelho’s Klassiker „Der Alchimist“.

Diese so inspirierende Geschichte um den Schafhirten Santiago begann auf jenem Boden Südspaniens, den unsere Füße noch weitläufig kennenlernen sollten, sobald ein verdammter Parkplatz gefunden war.

Da auch ich mir bereits zum vierten Male dieses Meisterwerk kurz vor dem Flug durchgelesen hatte, unterhielten wir uns angeregt über die Botschaften zwischen den Zeilen, die passend zur Geschichte nur mit geöffnetem Herzen zu lesen sind.

Was ist Alchemie?

Der Alchimist ist deshalb so interessant für mich, weil ich mich selbst der Alchemie verschrieben habe. Die meisten erkennen bei der beschriebenen Kunst, Blei in Gold zu verwandeln, weder den Hintergrund noch die Metapher. Wer das zweite und vierte Gesetz des Hermes kennt, wird allerdings beides zu deuten wissen.

Wenn nicht, degradiert das Buch umso mehr zu einem netten, aber dennoch aufrüttelnden Märchen für Erwachsene. Dabei steckt so viel mehr dahinter – und das ist fast sträflich untertrieben, letztlich nimmt der Inhalt Bezug auf die größte Weisheit der Menschheitsgeschichte. Der Stein der Weisen – der Schlüssel zum Göttlichen, um Herr über sein Schicksal und Lebensglück zu werden. Zu jeder Zeit.

Seit ein paar Jahren widme ich mich intensiv der inneren Alchemie. Die äußere Variante beschäftigte schon vor Jahrtausenden die Menschen mit der Verwandlung von Materie – wobei Alchimisten und Hermetikern die Unwahrheit der sogenannten Materie klar sein dürfte: Nichts ist, alles wird. Nichts ist fest, alles schwingt und besteht aus Energie. Materie ist lediglich eine sehr niedrige Frequenz auf welcher Energie schwingt. Die höchsten und feinsten sind alle unsichtbar, respektive immateriell. Dazu gehören unsere eigenen Gedanken, die wir zigtausende Male täglich durch unsere Zellen und das Energiefeld des Alls schicken.

Im genannten Werk spricht der brasilianische Bestsellautor wiederholt von einer Smaragdtafel, auf welche der Schatz der Menschheit gepasst haben soll. Sie repräsentiert den Stein der Weisen und die sieben geistigen Gesetze der hermetischen Lehre. Diese Worte des Hermes Trismegistos – auch bekannt als Toth – wurden im alten Ägypten auf jener Tafel niedergeschrieben und bis Anfang des 20. Jahrhunderts rein mündlich den Würdigen überliefert. Deshalb sprach man so gerne von geheimen Bruderschaften und okkultem Wissen. Dan Brown bezieht sich in seinem lesenswerten Bestseller-Thriller „Das verlorene Symbol“ ebenfalls darauf.

Die Geheimniskrämerei ist nur allzu verständlich, wenn man sich an die Brutalität der Kirche und andere herrschenden Dogmen erinnert, die jeden einen Kopf kürzen machten, der die Glaubensvorgaben infrage zu stellen wagte. Drei Eingeweihte fertigten schließlich anonym aus diesem elementaren Wissen das Schriftwerk „Kybalion“.

Wegen der teils verschlüsselten und komplizierten Sprache – so nehme ich an – blieb dieser Schatz den Allermeisten trotzdem weiter verborgen und die Vermehrung aus. Ich vermute aber, es dürfte nur noch eine Frage von kurzer Dauer sein, bis die Menschheit es doch umreißt und den Sinn dahinter ergreift. Bis dahin bleibe ich halt eine kleine Minderheit, die darüber schreibt. Zurück zum Buch….

Meine frisch gepresste Quintessenz aus den Früchten der Coelho-Geschichte

Der Weg ist zwar das Ziel, aber nur, wenn du vorab ein Ziel bestimmst!

Die Urlaubsreise von 2Skoop und mir dient als herrliches Beispiel. (Anmerkung der Redaktion – also von mir: Kaum einer meiner Freunde trägt Keinen Spitznamen!).

Wir buchten lediglich unseren Flug nach Sevilla, den Mietwagen und den Rückflug von Málaga. Demnach hatten wir einen Startpunkt (Sevilla) und ein Ziel (Málaga). Der Weg dazwischen ließ alles Erdenkliche zu, wir hatten eine vage aber keine klare Route, und auch keine Unterkünfte, die uns festnagelten. Die Stadt Málaga wollten wir unbedingt sehen, aber das Glück lag auf der gesamten Reise und in der Freiheit, die das Leben erst richtig ermöglicht.

Auf welchem Grad zwischen Freiheit und Sicherheit wandelst du?

Leben ist immer ungewiss. Niemand, der Sicherheit als obersten Wert pflegt, ist wirklich frei. Das wahre, erfüllte Leben befindet sich auf dem schlänglichen Wege zwischen Vertrauen und Ungewissheit. Und dennoch ist das Äther der Freiheit und die Enge der sicheren Komfortzone in ihrer Natur das Gleiche. Zwischen diesen extremen Polen des Lebens liegen unzählige Grade. Wie viel Sicherheit, Kontrolle und Besitz bist du bereit aufzugeben für mehr Freiheit?

Der Stadtstrand von Málaga war ein Paradies, aber die schönsten Erlebnisse sammelten wir auf dem Weg dorthin. Es war eine Route, die sich selbst schuf, nach und nach sich fließend ergebend. Weil wir ein Ziel hatten ohne strikte Route, konnte der Weg das Ziel sein.

So ähneln wir ein bisschen dem Hirten Santiago, der seine Schafe verkaufte um zu seinen erträumten Pyramiden zu gelangen und die wahren Schätze des Lebens auf dem Weg dorthin fand. Sein Mut zum Risiko wurde belohnt, da er seinem Herzen folgte und die Komfortzone verließ.

Wären wir nicht aufgebrochen, hätte wir niemals in der Straße Mateos Gago von Sevilla diese köstliche Tortilla gespeist, niemals mit Kevin Spacey einen Mojito getrunken, im wunderschönen Cádiz niemals die schlechteste Paella der Welt gegessen und wieder ausgespuckt; niemals in Tarifa zwischen dem Mittelmeer und Atlantik die Kite-Surfer über dem Meeresspiegel fliegen sehen, niemals in der weißen Stadt von Vejer farblich passend eine Blumenkohl-Creme kredenzt oder in meiner Traumfinka von La Cala inklusive Pool und Meerblick mit unserem norwegischen Gastgeber über Knödel, Biersoßen und Frauen philosophiert. Das alles lag als Geschenk auf dem Weg, den wir vorher nicht kannten, als wir Richtung Ziel aufbrachen. Dafür mussten wir nicht einmal Schafe verhökern! Wir hätten eh keine gehabt…

Blei zu Gold machen kann ich nicht, aber ich weiß sehr wohl wie man jeden unerwünschten Zustand in sein Gegenteil verkehrt. Zwei Jahre zuvor hatte ich so eine Reise körperlich nicht antreten können, doch ich verstand es irgendwann, eine jahrelange krankheitsbedingte Bettlägerigkeit in pure Vitalität zu tauschen, aus Depression dauerhaftes Glück zu schmieden, sowie Angst, Groll und Hass zu transformieren in Vertrauen, Vergebung und Liebe.

Alle diese gegensätzlichen Zustände sind in ihrer Natur ein und dasselbe und rein in ihrem Grad extrem verschieden. Wie der Eiswürfel in seiner Kälte und die kochende Brühe in ihrer Hitze: Beides ist das Gleiche: Wassertemperatur. Zwischen beiden extremen Polen bestehen unendlich viele Grade, die beliebig von uns verändert werden können. Genauso verhält es sich auch zwischen Liebe und Hass, traurig und fröhlich, Optimismus und Pessimismus, wütend und verzeihend.

 

Wenn wir uns alle der eigenen geistigen Macht bewusst werden und sie in die Praxis führen, alle uns ein Herz nehmen und den Wünschen des eigenen Herzens folgen, dann werden wir alle zu Alchimisten, die sich mutig auf den Weg Richtung Schatz machen um dabei ihr Lebensglück dort finden, wo sie es gar nicht erwartet hätten. Der einzige Feind, der uns dabei im Weg stehen kann, heißt Angst. Es ist die Angst seine Sicherheiten einzutauschen für eine Ungewissheit hinter den Gefängnismauern der Komfortzone.