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Warum stottere ich manchmal stark, manchmal ein bisschen und oft auch gar nicht?

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Warum bekommen manche Stotternde kaum ein Wort hinaus, während andere nur ab und zu stottern? Warum verhält sich das Stottern nicht immer gleich und variiert in Art, Dauer und Intensität?

Dieser Artikel dient dazu, die Zusammenhänge besser zu verstehen und auf einige Fragen eine Antwort zu geben. Am Ende verrate ich dir eine super Übung, wie du dir selbst auf die Schliche kommst und ein paar hilfreiche Aha-Momente herbeizauberst!

Unterschiede im Stottern

Jeder stotternde Mensch wird bereits die Erfahrung gemacht haben, dass die „Sprechstörung“ den Redefluss in unterschiedlichen Momenten auf unterschiedliche Weise unterbrechen kann.

Die Art und Weise des Stotterns bezieht sich auf drei verschiedene Einordnungen.Mal sind es mehr die Dehnungen der Buchstaben, mal mehr die typische stumme Blockade, und im dritten Fall enttarnt die Staccato-artige Wiederholung einzelner Buchstaben oder Silben die Redeflussstörung.

Auch Intensität und Dauer scheinen manchmal willkürlich zu sein. Ein sonst eher flüssiger Sprecher bekommt plötzlich Hänger in der Sprache und quält sich durch die Laute. Ein paar Zeigerdreher auf der Uhr später ist der Spuk wieder vorbei und er fragt sich, warum er nun wieder so gestottert hat, obwohl er doch den größten Teil seines Alltags stotterfrei kommunizieren kann!? Viele können sich die Zusammenhänge nicht erklären.

Zusammenhang zwischen Stottern und Stress

Um die Zusammenhänge zu verstehen, bedarf es ein wenig Hintergrundwissen: Stottern ist ein Stress-Reflex. Und zwar ausgehend vom autonomen Nervensystem, sodass dieser Mechanismus auf unbewusster Ebene vonstatten geht. Daher spreche ich gerne vom autonomen Stress-Reflex.

Tiefere Einblicke dazu erhältst du in den drei Gratisvideos meines 100-Tage-Videokurses „FLOWtential – Stottern war gestern!“.

Da der Auslöser also unbewusst ist – und uns selbst eben nicht bewusst – sind die Zusammenhänge so schwer zu erkennen. Schritt 1 jedweder Veränderung ist jedoch immer, das Unbewusste ins Bewusstsein zu holen.

Um das zu schaffen, dürfen wir wissen: Unser Nervensystem, welches sich zum Großteil in unserem Gehirn befindet, ist gewissermaßen ein Schubladen-Denker. Sein primäres Ziel ist es nämlich, unser Überleben zu sichern und uns von Gefahr fernzuhalten. Deshalb kategorisiert es jede von außen kommende Information in eine der beiden Schubladen: Gefährlich oder sicher!?

Irgendwann hat es durch unsere emotionale Reaktion gelernt, gewisse Ereignisse und Bedingungen als gefährlich einzustufen. Dies löst wiederum eine Stressreaktion aus, in unserem Fall: Stottern.

Ja, dein Stottern ist an bestimmte Stressoren geknüpft, die dann für Stress sorgen und den autonomen Stress-Reflex abspulen.

Die 3 großen Stress-Stotter-Verknüpfungen

Als Stressoren bezeichne ich hohe Anforderungen in der Außenwelt. Stehen uns für diese An- und Herausforderungen nicht genügend Ressourcen zur Verfügung, gerät das Nervensystem und der gesamte Körper-Geist-Organismus in Stress. Wenn du beispielsweise vor einer Gruppe von Menschen eine kurze Rede halten musst, und dein Unterbewusstsein meint, dass dieses Szenario deine Kompetenzen (Ressourcen) übersteigt, erfährst du ein entsprechendes Stress-Level.

Jeder Mensch hat unterschiedliche und teils diverse Stress-Reaktionen. Biologisch gesehen funktioniert der Mechanismus per se jedoch immer gleich: Über die HPA-Achse gelangen Stresshormone ins Blut und nehmen starken Einfluss auf unsere Herzfrequenz, Muskeln, Emotionen und letztlich auf unser Verhalten. Auch auf unser Sprechverhalten!

Folgende 3 Stressor-Kategorien können individuell unterschiedlich stark mit Stress und damit auch mit Stottern verbunden sein.

  1. Stress-Reflex an Personen(-Kategorie) geknüpft

Das vegetative (autonome) Nervensystem stuft bestimmte Personen als Stressor, bzw. als Gefahr ein. Es entsteht geistiger und körperlicher Stress, weil das unterbewusste System glaubt, es könne beim jeweiligen menschlichen Gegenüber nicht gleichwertig mithalten.

Ein typisches Beispiel dafür ist ein autoritärer Chef oder Vater. Da unser Nervensystem diese Charaktersorte als Bedrohung einschätzt, produziert jede Interaktion dieser Art Stress in uns. Nicht nur in der äußeren Realität, sondern auch bereits in der Vorstellungskraft.

Womöglich stammt diese Einschätzung noch aus deiner frühen Kindheit, als du in einer ganz konkreten Situation noch nicht genügend Mittel zur Verfügung hattest, um dich gegen einen übermäßig autoritären Vater, Onkel oder Lehrer zur Wehr zu setzen. Da unser Gehirn in diesem Fall wenig konkret arbeitet, sondern Kategorien aufmacht, beschränkte sich die Stresssituation nicht auf diese eine Person. Im weiteren Lebensverlauf hat dein innerer Stressmanager alle Menschen, die vom Wesen her diesem einen Fall ähnelten, ebenfalls der Kategorie „Bedrohung“ zugeordnet. Daher fällt es dir seitdem generell bei ganz bestimmten Persönlichkeiten noch schwerer, ruhig und flüssig zu sprechen. Der Stresshormon-Cocktail, der den klaren Verstand trübt und die beschwippsten Muskeln verkrampfen lässt, vereitelt ein souveränes Ausdrucksvermögen.

2. Stress-Reflex an Situationen(-Kategorie) geknüpft

Das gleiche Szenario liefern uns bestimmte Situationen und Gegebenheiten im Außen. Vielleicht ist der zukünftige Chef im Bewerbungsgespräch ein fried- und verständnisvoller Diplomat, weit weg von einem autoritären Führungsstil. Und trotzdem stotterst du plötzlich mehr oder überhaupt, weil dich die Situation „Bewerbungsgespräch“ unter Druck setzt und Stress produziert.

Ein alltägliches Beispiel kann Erklärungsnot oder Kritik sein. Bist du plötzlich Kritik ausgesetzt und hast dich zu erklären, scheinen dir deine Bewältigungsmöglichkeiten für diesen Stressor nicht ausreichend zu sein und dein Selbstvertrauen gerät hörbar ins Stottern.

Was ist passiert?

Deine Neuronen im Gehirn feuerten wieder „Gefahr“ und initiierten den chronisch gewordenen Stress-Reflex über Zwerchfell & Co.

3. Stress-Reflex an bestimmte Wörter, Namen, Buchstaben oder Phrasen geknüpft

Vielleicht hat dein Un(ter)bewusstsein auch bestimmte linguistische Gefahren und Bedrohungen ausgemacht. Somit stolperst du immer wieder über bestimmte Wörter oder Begriffe. Sehr viele stotternde Menschen stecken immer bei ihrem eigenen Namen fest!

Wörter, Namen, Begriffe sind niemals neutral. Alle unterliegen einer ganz individuellen Konnotation und Assoziation, die wiederum ein Gefühl in dir entstehen lassen. Das Wort Maus mag für die meisten Menschen „süß und putzig“ nach sich ziehen – meine Oma dagegen springt aus lauter Panik auf den nächsten Tisch. Wahrscheinlich ein Kindheitstrauma; sie kann sich nicht konkret erinnern. Für ihr Nervensystem ist das Wort Maus mit Gefahr verknüpft. Maus = Stress. Stress = Überlebenssicherung. Alles ganz logisch, und doch völlig übertrieben. Im Prinzip eine Fehleinschätzung des Gehirns.

Wie sieht es mit deinem Namen aus? Was verbindest du mit ihm? Habt ihr eine gute Beziehung? Sprichst du ihn mit Stolz und Lebensfreude aus?

Vielleicht merkst, du dass ein un(ter)bewusstes Programm in dir rebelliert.

Was kannst du also tun?

Beobachte doch mal über die nächsten zwei Wochen, wo sich dein Stottern verstärkt. Schreibe es auf! Mach dir Notizen! Nach diesem zweiwöchigen Experiment hast du wahrscheinlich ausreichend Material zusammen, um es auszuwerten.

Dazu vergleichst du die diversen Szenarien und untersuchst sie auf Gemeinsamkeiten:

Welche Merkmale teilen sie?

Waren es bestimmte Personen mit bestimmtem Verhalten?

Ging es vorrangig um gewisse Gegebenheiten in den Stotter-Situationen?

Sind dir besondere Wörter und Wortkonstellationen aufgefallen?

All diese Antworten können wir nutzen, um dein Nervensystem im Anschluss sukzessive umzutrainieren! Lust?

Kurz gefasst: Du stotterst überall dort, wo dein Nervensystem gelernt hat, die Situation in die Kategorie „Gefahr“ zu stecken, wodurch dann Stress entsteht und damit auch jener Stress-Reflex, der dein Zwerchfell außer Flow bringt und dich stottern lässt.

Das muss nicht das Ende der Fahnenstange sein! Unser Nervensystem lässt sich trainieren und schulen! Bereit für dein gelöstes Sprechen und eine ganz neue Ausdrucksstärke? Dann beginne jetzt und hier dein Training!

Gruß mit Hut,

dein FLOWmaker Markus 🙂