Was Süßamerika mich lehrte

Was Süßamerika mich lehrte

Ob Cas in Costa Rica, Papaya in Kolumbien oder Guayaba auf Cuba (hierzulande bekannt oder unbekannt als Guave) – Lateinamerika hat in Sachen Früchte viel zu bieten. Vieles davon bei uns gänzlich fremd und ruhmlos, wie auch beispielsweise die Guanabana oder die durch ihre Menge an Antioxidantien als Wunderfrucht geltende Mangostino – nicht zu verwechseln mit der ‚normalen‘ Mango. Letztere ist aber geschmacklich von den hierzulande importierten Exemplaren mindestens einen Kontinent weit entfernt – süßer als jedes Katzenvideo, das in den letzten Jahren durch die soziale Netzwelt geschickt wurde.

 

Deutlich präsenter und populärer ist bei den Deutschen die Aguacate – so heißt die Avocado in Südamerika. Oder besser gesagt Süßamerika. Dass diese Frucht in ihrer exotischen Herkunft und Heimat ganz anders aussehen kann, wurde mir bei einer kolumbianischen Familie bewusst gemacht. Jener liebevollen Familie Gonzalez, die mich in ihr Leben und in ein Stück Alltag einweihte. Der Vater betrieb außerhalb der Stadt seine eigene Farm, und so machte er mir als Willkommensgeschenk eine seiner birnenförmigen Wassermelonen. Nur waren es keine Wassermelonen, sondern eben Avocados, was beim ersten Anblick und Anheben schwer zu glauben war. Die Dinger sollen auf Bäumen wachsen? Die armen Äste…

 

„Das ist für dein Frühstück morgen! Willkommen in Santandér!“
Einen Säbel zum Aufschneiden gab er mir allerdings nicht mit.

 

Alles in allem brachte mich das so richtig auf den Geschmack, und nach kurzer Umgewöhnungsphase in Deutschland (man gewöhnt sich ja wieder an alles) kaufte und aß ich regelmäßig meine neue Lieblingsfrucht, die zudem noch so gehaltvoll und nahrhaft ist. Natürlich alles mindestens dreimal so klein – oder ein Drittel so groß – wie man will.

 

So stand ich also wöchentlich vor dem Supermarkt-Korb mit den kleinwüchsigen Avocados und suchte mit Auge und Fingerspitzengefühl nach den grünsten, prachtvollsten ihrer Zunft. Zu weich, zu hart… aah ja, die hier ist super! Ab nach Hause und entweder mit einer Prise Salz und Pfeffer aufs Brötchen oder mit Datteln, Erdnußmuss, Reismilch und Schokoladenpulver in den Mixer, was die sogenannte Aguacate Chocolate als köstliches Resultat in die Keramikschüssel zaubert.

 

Doch eines Tages kam es beim Wocheneinkauf zur Qual der unguten Wahl. Keine der Avocados machte einen wirklich anständigen Eindruck, blickte ich doch auf ein durchwegs erbräuntes Angebot, mit dubiosen Verfärbungen, als hätten sie Pigmentstörungen oder Neurodermitis. Die Haptik war mir stellenweise auch weicher als erwünscht, doch ich beschloss trotzdem einer unter ihnen die Chance zu geben und notfalls in den sauren Apfel zu beißen.

 

Zur gleichen Zeit ließ ich auch mal eine Physalis aus den Anden Perus und Chiles über den Ladentisch ziehen, einfach um mal wieder etwas neues auszuprobieren. Meinen gustatorischen Horizont zu erweitern. Daheim schob mich der Appetit aber erst einmal zum Altbekannten und Bewährten. Herbei also mit all den Zutaten für Aguacate Chocolate und meinen Glasmixer (er mixt übrigens kein Glas, auch wenn der Name dorthin irreführen kann). Allerdings versprach ich mir dieses Mal nicht allzu viel anhand des eher dürftigen Erscheinungsbildes meiner Avocado.

Beim Aufschneiden fielen mir zwei Dinge auf:


1. Das Wort Avocado reimt sich sehr gut auf Sado-Maso


2. Trotz all ihrer dunklen Hautverfärbung und äußerlichen Mäkel ist sie innen saftig-grün ohne Fehl und Tadel

 

Habe ich da etwa zu früh ge- oder verurteilt? Sind die seltsam bräunlichen, unsimetrischen Exemplare dieses Loorbeergewächses vielleicht sogar die leckereren? (Leckereren… als ob ich schriftlich stottere…)

 

Schwer zu sagen, schließlich hatte ich bei den Grünen auch schon gewisse Diskrepanzen. So kennt man das ja berets aus der Politik. Und auch beim Genuss der Braunen, ja ich genoss, konnte ich alles andere als von einem Fehlkauf sprechen.

 

Total schokoladisch avokadisiert nahm ich mir die Physalis zum Dessert vor. Ich trennte sie von ihren außerirdisch-zauberhaft posierenden Schutzblättern, biss mit großen Augen hinein und …. ja pfui, was ist das denn? Da wird ja der größte Vegetarier wieder zum Fleischfresser. Dabei sah es doch so bezaubernd aus, so saftig, so verlockend. So eine Sauer-rei aus Sauer-merika! Zwei kulinarische Überraschungen an einem Tag, ich war ganz durch den Wind.

Diese Erfahrung veränderte meine Sicht- und Denkweise beim nächsten Supermarktbesuch. Oder sollte ich lieber von einem Gefühl sprechen? Denn plötzlich fand ich die zerknautschten Avis (ok, blöde Abkürzung) überhaupt nicht mehr so unattraktiv, vielmehr wandte ich mich jetzt dieser Option genauso zu. Und beim Blick auf die Physalis geschah es genau umgekehrt. Sie schienen an Attraktivität mir gegenüber verloren zu haben, dabei sehen sie doch noch genauso edel und anmutig aus.

 

Wer mich und meine Anekdoten schon etwas kennt, weiß auch, dass ich diese Geschichte nicht ohne tieferen Sinn erzähle. Kommen wir also zum fruchtigen Kern des Ganzen.

Vielleicht kannst du meine Parallele schon erahnen. Ich sehe eine Frau und finde sie sofort unheimlich schön. Zu diesem Zeitpunkt natürlich nur auf äußerlicher Basis, da allein ihr Erscheinungsbild zur instinktiven Bewertung (ob für mich attraktiv oder nicht) möglich ist. Nicht immer wird mir das Glück zuteil, diese Frau tatsächlich kennenzulernen – nicht nur per Auge. Doch wenn es das Schicksal gut mit mir meint und ich die Chance der Glücksgöttin ergreife (sie ist eine Diva und äußerst launisch), können zwei Extreme passieren:

Entweder lerne ich einen wunderbaren Charakter mit großem Herz im schönen Körper dieser Frau kennen oder aber ich finde heraus, dass ihr schlechter Kern so gar nicht zu ihrer verführerischen Hülle passt.

 

Im ersten Fall wirkt sie plötzlich auch äußerlich noch schöner, ihr Körper noch attraktiver, ihre Augen und Aura noch strahlender. Im zweiten Fall zeigt sich das genaue Gegenteil und plötzlich ist die Frau auch körperlich weitaus unattraktiver als zuvor.

Du lernst jemanden kennen, ob Frau oder Mann, und erlebst bewusst oder unbewusst, dass die inneren Werte erheblichen Einfluss auf die Optik dieser Person ausüben. Und das in einer Welt, in der es so oft rein um das äußere Erscheinen geht.

 

Um Missverständnissen gleich ihren Miss-Titel abzuerkennen: Ich selbst verfüge über einen scharf eingestellten Fokus auf Ästhetik. Ja, ich habe eine oberflächliche Seite wie sie jeder von uns in verschiedenartig erzogenen oder einverleibtem Maße verfügt. (Doch zum Glück trägt selbst ein einseitiges Din A 4 Blatt eine Rückseite)

 

Ich finde Mode und Kleidung etwas Wunderbares und nicht nur, weil sich ohne sie ein freier Blick auf manch unästhetischere Stellen des Lebens auftun würde – man kennt ja das mit Autounfällen und Wegsehen. Nein, Ich nehme mir gerne etwas Auge und Zeit für Bekleidung und schätze das ebenso bei anderen. Wie auch beim Beziehungspartner oder Date verleiht es auch dem Moment oft ein Stück Anerkennung und Wertschätzung.

 

Doch hier kommt trotz allem meine Frage:
Könnten wir nicht einen mindestens ebenso hohen Anspruch in Richtung unserer inneren Schönheit erheben wie wir es für unser Äußeres tun? Sie ebenso hegen und pflegen?

Wie oft fragen wir uns Dinge wie:

 

Was ziehe ich heute an um attraktiv zu wirken?


Welche Creme trage ich heute auf um meine Haut reinlich zu machen?


Welchen Schmuck, welche Kleidung könnte ich mir heute kaufen um künftig noch stilvoller zu glänzen?

 

Doch wie viele unter uns fragen sich wenigstens parallel dazu:

 

Was kann ich heute tun um ein guter Mensch zu sein – oder sogar ein besserer?


Wie könnte ich heute meinem Umfeld eine Freude machen?


Welchen Wert will ich heute der Gesellschaft beisteuern um meinen Moralvorstellungen gerecht zu werden?

 

Wenn jeder sich im selben Maße um seine innere Schönheit bemühte, wie er es vielleicht für seine äußere tut, wäre diese Welt ein großes Stück herzlicher. Und ich habe gelernt: Die schönste Frucht ist nicht immer in schönster Haut und Hülle.