Wenn der Mojito die Paella küsst

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Wenn der Mojito die Paella küsst

Barcelencia – So politisch gespalten das Land Spanien auch sein mag, es vermittelt in Barcelona ebenso viel Lebens- und Gaumenfreuden wie weiter südlich in Valencia. Es ist weit mehr als nur Sangría (wobei Tinto Verano die absolute Geheimtipp-Alternative darstellt). Für mich persönlich bedeutet es eben auch das (Strohhalm-)Eintauchen in die vielfältige Welt der Mojitos und das Reste-Auskratzen vom Paella-Pfannenrand, wenn der Reis, egal ob schwarz oder weiß, schon fast erkaltet im Hauch Lauwärme an der Keramikwand klebt.

Vier Mittage hintereinander degustierte ich mich durch die verschiedenen Varianten der Paella – wobei die erste gleichzeitig die Beste bleiben sollte. Es geschah an den Kirchtürmen der Santa Maria del Mar. Ihr Name war sowohl Kirche, Stadtplatz und Restaurant im Herzen von Barcelona’s Altstadt. Die Soße der „Marisco“ zwischen all den leckeren Meeresfrüchten war irgendwie anders und besser in ihrer Zubereitung als die ihrer Mitbewerber der „Mixta“ (Meeresfrüchte & Hähnchen), der klassischen „Valenciana“ (Hähnchen und Zuckerschoten) und der „Vegetariana“.

Erfreut durften wir feststellen, dass Erbsen kaum bis gar nicht in den Paellas zu finden waren, die bis dato sowohl mich als auch meinen Vater zum Erbsenzähler beziehungsweise Erbsen-Aussortierer werden ließen. Weiteres No-Go: Paella serviert auf normalem Teller! Die Pfanne ist und bleibt ihr obligatorisches Protegé.

Ein paar Gassen weiter im katalanischen Hauptstadtviertel El Born war schließlich die Zeit gekommen, eine große, fast skandalöse Wissens- und Erfahrungslücke zu schließen. Man (also ich) mochte sie kaum für voll nehmen. Die Rede ist von der Gegenfrage: „Was ist ein Mo…chi…Motijo?“
„Mojito, Papa! Sag mir nicht, du hast noch nie einen getrunken!?“

Glücklicherweise war ich vier Jahre zuvor schon mit Freunden für zehn Tage Gast in diesem Viertel und kannte somit die weltbeste Mojito-Bar der Welt! Und dies ist wahrlich keine Untertreibung, auch nicht in meiner doppelt-gemoppelten Form, das können bisher alle mit mir dagewesenen Homosapiens bestätigen!

Ihr Name klingt wie eine westafrikanische Schönheitskönigin: Mamainé. Viel kleiner könnte diese Dame auch nicht sein als jene süße Bar, die am letzten Eck vor der Markthalle ausschließlich Mojitos ausschenkt. Nicht ganz geschenkt aber für sechs Euro das Glas kommt es nahe heran, vor allem wenn man die geschmackliche Superlative, die unseren Gaumen jedesmal ins Paradis kitzelte, mitbedenkt.

Der Ur-Mojito stammt zwar aus Cuba, der Bar-Besitzer ist allerdings Argentinier und begrüßte uns mit all seiner Leidenschaft für seinen Beruf, bevor er stolz seine Karte reichte mit ihren dreißig verschiedenen Mojito-Sorten. Neben den noch bekannteren Varianten mit saurem Apfel oder Erdbeere finden sich auch wilde Eigenkreationen wie Karotte-Honig oder Zuckerwatte auf der bunten Liste.

Ich fühlte mich wie vor einer riesigen Eisdiele, aus deren Sortiment ich nun eine einzige Kugel auswählen muss, mit dem Unterschied, nicht einfach die nächsten Tage wiederkommen und die anderen Sorten nachholen zu können, da uns hier schließlich nur 24 Stunden blieben – von einem Nachmittag zum nächsten bevor unser Schiff wieder ablegte. Wie soll man sich also da entscheiden?

Entscheidungen treffen – bislang nicht meine allergrößte Stärke. Umringt von so vielen Optionen bei selbst trivialen, alltäglichen Entscheidungsprozessen ist es oftmals nicht das Problem seine Wahl FÜR etwas zu treffen. Zeitgleich bedeutet es nämlich auch sich GEGEN etwas anderes zu entschließen und dieses dann eben Nicht tun oder haben zu können. Eine schnelle Entscheidung nach Instinkt, wenn es keinen berechtigten Eingriff des Verstandes bedarf, ist für einen eher kopfgesteuerten Menschen wir mich bis dato nicht immer ein leichtes Unterfangen gewesen. Die nächste Kunst bildet sich nicht nur darin, die eigene Wahl ohne Sorge zu fällen, sondern auch das Ausgewählte nicht zu bereuen, egal ob diese sich im Nachhinein als gut oder schlecht herausstellt. Je öfter ich dem ersten Impuls nachgehe, desto mehr richtige Dinge fügen sich, was ein gutes Gefühl und mehr Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit nach sich zieht. So entscheide ich mich nun ad hoc meine Anekdote weiterzuerzählen…

Letztendlich kamen wir mit meiner spanischen Bekannten Bea am nächsten frühen Nachmittag nochmals in unsere neue Lieblingsbar zurück, nachdem wir im Peritxol Xocoa (die Katalanen lieben das X) die besten Churros bei dem wohl schlechtesten Kaffee der Stadt in eine wiederum leckere heiße Schokoladenmasse eintauchten. Diese war in ihrer Konsistenz so cremig-dick, dass mein Dad sich gar nicht reinlegen hätte können, wie er sprichwörtlich schwärmte – er wäre wohl einfach oben drauf gesessen.

Nach meiner Mittagspaella ging es nun wieder darum, weitere Mojito-Kreationen für genial zu testen, aber mit minimalem Vorsprung den Kokosmojito zum Sieger zu küren. Für meinen frisch verzauberten Vater sollte sein Schokoladen-Mandarine wahrlich nicht der letzte Mi…Mitojo…Motimo (?) auf unserer Reise bleiben. Auch wenn er sich die korrekte Buchstaben-Abfolge noch nicht immer ganz merken konnte, so wusste mein Dad nun wenigstens wie ein Mojito schmeckt – und das war schließlich erst einmal das Wichtigste!

Mit einem Schmunzeln an der Grenze zum Lachen erinnere ich mich an die Bucht von San Vicente auf Ibiza. Während des Vormittags erkundeten wir per Reisebus die überschaubare Kanareninsel. Eingenommen von der Schönheit und Ruhe des kleinen Meeresabschnitts, bei dem wir alle gerne einen Stop einlegten, wollten wir in erster Reihe des einzigen Cafés vor Ort Platz nehmen und die Aussicht Meer genießen. „Schau mal, Dad, hier gibt’s auch ’nen Mojito für dich!“

Es war 11:04, aber im Urlaub macht das ja schließlich nichts, und so stand ein klassischer Mojito, ohne irgendeinen ausgefallenen Zusatz-Geschmack, auf dem Tischchen vor uns. Erst dann wurde es mir bewusst: „Du weißt aber schon, dass wir um Viertel nach Elf wieder am Bus sein müssen und etwa drei Minuten dorthin brauchen?“
Dieses schwache 8-Minuten-Zeitfenster setzte in Kombination mit einem umso stärkeren Longdrink meinen guten Vater wortwörtlich unter Zugzwang. Wir als typische Deutsche legen natürlich wert darauf, pünktlichst wieder im Bus zu sitzen und das taten wir auch – einer davon etwas schummrig, der andere war Ich.

Welche Wahl auch immer es im Leben zu treffen gibt – neben der Paella Marisco in Santa Maria Del Mar und dem Mojito de Coco im Mamainé ist eine weitere für mich sicherlich leichtes Spiel: Ich würde mich immer wieder für eine Reise mit meinem Vater entscheiden.